und Schwachen, müßten zu diesem Behuf in andere Lager ge- bracht werden, während die Gesunden und Marschfähigen mit einem längeren und gewiß anstrengenden Fußmarsch zu rechnen hätten.“
„Ich erwarte von Ihnen allen“, so schloß der Kommandant seine Rede,„daß Sie im Augenblick der Gefahr zusammen- stehen und mit uns einig gehen, daß Sie bei der möglicher- weise eintretenden Notwendigkeit, die Frauen und Kinder der SS schützend in Ihre Mitte zu nehmen, sich des Vertrauens würdig erweisen, das ich in Sie setze!“
Ich erwähne diese Begebenheit, weil sie einige nicht un- interessante psychologische Schlüsse in bezug auf den Wandel in den Verhältnissen zwischen SS und Häftlingen zuläßt. Standartenführer Kaindl gehörte zwar nicht zu jener Sorte von Kommandanten, die in der Geschichte der Konzen- trationslager mit Recht als„Bluthunde“ bezeichnet werden, aber er war nichtsdestoweniger ein williges Ausführungs- organ für alle von Hitler und Himmler geforderten Scheuß- lichkeiten, mithin ein Vertreter jener totalen Macht, die der Nationalsozialismus verkörperte und zu jeder nur erdenk- lichen Untat gebrauchte. Er mußte sich sagen, daß ein solcher Appell ein vollendeter Wahnsinn war, Oder rechnete er tat- sächlich damit, daß sich im Augenblick der Gefahr— der für uns ja nur der Augenblick der Befreiung sein konnte— auch nur ein Häftling schützend vor die Frauen und Kinder der SS stellen würde? Es handelte sich bei diesem Appell an die Menschlichkeit derer, die man bis dahin als Feinde be- trachtet und behandelt hatte, entweder um eine grobe Finte oder um den Ausdruck der Hilflosigkeit, in die man mittler- weile geraten war, jedenfalls aber um eine Unverfrorenheit, von der man nicht weiß, ob man sie belächeln oder beklagen soll. Vielleicht läge hier sogar der Anlaß zu einer Bewunde- rung nahe, hätte uns der Nationalsozialismus nicht schon SO oft die Gelegenheit geboten, ihn als ein Konglomerat kaum denkbarer Widersprüche kennenzulernen, Bedürfte aber der Opportunismus dieser Partei eines Beispiels von allerhöchster Symbolkraft— hier wäre es gegeben. Mehr konnte man tat- sächlich nicht verlangen. Ich wunderte mich nur, daß uns
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