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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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den vorläufig nicht zu denken sei, da der Häftling laut Bericht des Lagerführers sich noch nicht ,, gebessert" habe. Es gab aber auch noch andere Methoden, die unter Umständen schon be­schlossene Entlassung eines Häftlings zu hintertreiben, die hauptsächlich dann angewandt wurden, wenn man den be­treffenden Häftling aus irgendwelchen Gründen noch brauchte. So ersah ich beispielshalber aus Bauleitungsakten, daß der tschechische Häftling Pleticha, dessen Entlassung vom Reichs­Sicherheitshauptamt bereits angeordnet war, erst vier Monate nach dieser Verfügung tatsächlich entlassen wurde. Pleticha war Vorarbeiter des Baukommandos Pumpenhaus II" und wurde in dieser Eigenschaft so lange festgehalten, bis das Bau­werk fertiggestellt war. Er wurde der Gestapo gegenüber als ,, im Augenblick unabkömmlich" bezeichnet.

Diese Farce der Anfragen" hörte im Jahre 1942 auf, nicht in dem Sinne, daß von diesem Zeitpunkt an die Lagerführung eine bessere, das heißt der Wahrheit entsprechende Auskunft erteilt hätte, sondern sie unterblieb überhaupt.

Die Zahl der Entlassungen war überaus gering.

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Die von vielen Häftlingen gehegte Hoffnung auf einen, Gna­denerlaẞ des Führers" oder eine allgemeine Amnestie" zeugte zwar in einer fast ergreifenden Weise für die harmlose Gemütsart der Hoffenden, erfüllte sich aber nie. Entlassungen größeren Stils erfolgten nur im Falle der tschechischen Stu­denten, die im Jahre 1943 in zwei größeren Trupps das Lager verließen. Auf Entlassung konnten ferner Häftlinge rechnen, die mit einer Polin verkehrt hatten und aus diesem Grund in das Lager gekommen waren; sie wurden meist nach drei oder sechs Monaten wieder in Freiheit gesetzt falls sie nicht vorher gestorben waren. Denn die Anfälligkeit der Häftlinge war gerade in den ersten drei Monaten ihres Lager­aufenthaltes am stärksten. Die krasse Umgestaltung aller Lebensgewohnheiten, in zahlreichen Fällen der jähe Entzug von Alkohol oder anderen Rauschgiften, dazu Hunger und Kälte, bewirkten einen sehr raschen Kräfteverfall, und Men­schen, die an Ordnung und Regelmaß in der Lebensführung gewohnt waren, fielen oft erschreckend schnell zusammen. Die seelische Erschütterung tat dabei das übrige. Der Mangel an

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