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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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XXI

Scheinheiligkeit:bei Todestallen

Viermal im Jahr, in Abständen von je drei Monaten, unter- richteten sich die Leitstellen der Geheimen Staatspolizei über das Verhalten der von ihnen in die Konzentrationslager ver- schickten politischen Häftlinge. Es fanden zu diesem Behuf sogenannteAnfragen statt, die sich in der Form vollzogen, daß der betreffende Häftling zum Lagerführer bestellt und von diesem, nach oft stundenlangem Warten, über einige längst bekannte Vorgänge und Daten befragt wurde, Der Neuling, dem zum erstenmal das Glück einer derartigen An- frage zuteil wurde, rechnete dabei mit der Aussicht auf eine baldige Entlassung. Er verankerte seine schon etwas brüchig gewordene Hoffnung in der Vermutung, daß man sich draußen für ihn interessierte, daß er eben doch nicht so ganz verlassen und vergessen sei, wie er es argwöhnte, Er ahnte noch nicht und wollte dies zunächst auch nicht glauben, daß mit derartigen Anfragen lediglich der Erfüllung einer Formalität Genüge geschah und daß noch niemals ein Häft- ling auf Grund einer solchen Anfrage entlassen worden war. Ich hatte später einmal durch Indiskretion eines in der Politi - schen Abteilung tätigen Häftlings die Gelegenheit, den Wort- laut der Rückantwort, die der Lagerführer Forster der Ge- heimen Staatspolizei-Leitstelle auf eine solche Anfrage er- teilte, kennenzulernen; er lautete:Nicht entlassungsreif, da faul und zu keiner Arbeit willig!

Diese kurze und lapidare Erklärung, die natürlich eine Lüge war, ging in Abschrift zu den Akten und diente bei nächster Gelegenheit als Grundlage für die weitere Qualifikation des Häftlings. Die Angehörigen des Häftlings, die den Versuch machten, ihren Vater, Sohn, Gatten oder Bruder aus dem Lager herauszubekommen, erhielten dann von dem mit der Bearbeitung der Sache beauftragten Beamten der Gestapo die frostige Mitteilung, daß an eine Entlassung des Betreffen-

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