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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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schlagen konnte. Aus diesem Grund wurden die Häftlinge Naujoks, Buchmann und Rudi Grosse, die konkrete Kom- munisten waren, entfernt und an ihre Stelle setzte man, nach einigen mißglückten Versuchen mit anderen Politischen, die Häftlinge Kuhnke, Gallipavi und Volck, denen man noch die Kreatur Kokoschinski, einen Mann, der je nach Gelegenheit bald Pole, bald Deutscher war, zugesellte. Als Lagerälteste fungierten Kuhnke und Volck.

Kuhnke war kein Politischer, sondern einAso, ein Mann mit zahlreichen Vorstrafen; er wurde Lagerältester Nr. 1.

Als zweiter amtierte der politische Häftling Herbert Volck, ein ehemaliger Offizier und Baltikumkämpfer, angeblicher Inhaber des Ordens pour le me£rite, Schriftsteller und Ver- fasser eines antikommunistischen RomansDie Wölfe. Volck war, aus mir unbekannten Gründen, zu lebenslänglicher Konzentrationslagerhaft verurteilt, was zu der Vermutung Anlaß gibt, daß er, dem Nationalsozialismus nahestehend, sich durch irgendeine Verratsaffäre diese Strafe, die, soviel ich weiß, nicht von den ordentlichen Gerichten verhängt wurde, zugezogen hatte. Jedenfalls handelte es sich bei ihm um eine jener abenteuerlichen Offizierstypen, die nach dem ersten Weltkrieg keinen festen Fuß mehr fassen konnten, im Baltikum eine Rolle spielten, geheimen Militärorganisationen angehörten, Fememorde begünstisten und ausführten und bald auf dieser, bald auf jener ultranationalen Seite ihr jeder klaren Direktive entbehrendes Heil suchten. Solchen Menschen ist die Neigung zum Verrat angeboren. Sie haben ihr ganzes Leben damit bestritten, haben wechselnd Erfolge und Nieder- lagen dadurch erlitten, sie lassen sich zu allem, was ihnen einen Vorteil verspricht, gebrauchen und wären jedenfalls außerstande, eine konkrete Ansicht über ihr Verhältnis zu dem Begriff und GebildeStaat zu formulieren. Auch Volck hatte in dieser Hinsicht gewiß keine konkreten Vorstellungen. Da er zu lebenslänglicher Haft verurteilt war, also für ihn keine Aussicht bestand, aufnormale Weise jemals wieder in Freiheit zu gelangen, glaubte er wohl durch seine An- biederung an die SS eine Chance für seine Befreiung entdeckt zu haben. Da er die russische Sprache beherrschte, fand er

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