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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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besudelt vom schwarzen Staub des Appellplatzes, torkelten sie in die Blocks, während Herr Loritz unter dem Tor des Turmes A stand und mit düsterem Behagen dem Abmarsch dieser Elendskolonne zusah.

Als ich in das Baubüro kam, war dieser Mann glücklicher- weise schon nicht mehr Kommandant des Lagers. Es waren dadurch auch auf dem Bauhof und vor allem im Baubüro ruhigere Verhältnisse eingetreten, die mir die Möglichkeit gaben, meiner gewiß nicht uninteressanten und vor allem für mich sehr aufschlußreichen Arbeit einiges Interesse entgegen- zubringen. Denn hier spiegelten sich alle Arbeitsvorgänge im Lager, und wer die Augen offen hielt, sah mehr, als man an anderen Stellen sehen und beobachten konnte.

Eines der interessantesten, von mir oft bewunderten Doku- mente war der großeGenerallinienplan, wenn ich dieses Papier so nennen darf, der den geplanten Ausbau des Kon- zentrationslagers Sachsenhausen nach dem Kriege veran- schaulichte. Diesem Plan zufolge sollte das Lager in einer so großzügigen Weise umgebaut und erweitert werden, daß es die Unterbringung von mindestens 50000 Häftlingen er- möglichte. Da Sachsenhausen nicht das einzige Lager war, dem eine solche wahrhaftgigantische Erweiterung, um eine beliebte nazistische Metapher zu gebrauchen, zugedacht war, kann man sich ungefähr einen Begriff davon machen, was der Nationalsozialismus noch alles vorhatte, um das deutsche Volk an den Segnungen eines gewonnenen Krieges teilhaben zu lassen. Daß es sich bei diesemGenerallinienplan nicht etwa um die Niederschrift von in spielerischer Laune er- sonnenen, sondern um die vorsorgliche Dokumentierung sehr realer und realisierbarer Absichten handelte, bestätigt ein ein- ziger Blick auf die berüchtigtenOstraumpläne Hitlers , die ja nichts Geringeres vorsahen als eine völlige Unterwerfung des Slawentums zugunsten desgermanischen Wehrbauern, Zur Verwirklichung dieser ebenso monströsen wie ruchlosen Idee sollten die allerorts geschaffenen Konzentrationslager das ihrige beitragen, teils alsAuffanglager zur Bewältigung der durch die Entvölkerung des Ostens für die Verschickung ins Reich freigewordenen Menschenmassen, teils alsVer-

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