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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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dazu herbei, einen solchen Antrag zu stellen, denn das roch immer ein wenig nachHäftlingsbegünstigung, aber Unterscharführer Rügheimer tat es. Er war selbst ein Freund guten Essens und hatte was ich ihm heute noch hoch an- rechne nichts dagegen, daß wir uns auf dem Warenboden Kartoffeln kochten oder sonst irgendwelche einfache Speisen zubereiteten, obschon das strengstens verboten war. In dieser Atmosphäre des Mords, der Vernichtung, in dieser Luft, die tagtäglich geschwängert war von dem widerlichen Geruch gebratenen Menschenfleisches, in dieser ewigen Sorge um das eigene Leben fühlte man sich dem Schicksal zu Dank verpflichtet, wenn es einem keinen Teufel, sondern einen Menschen zumVorgesetzten gegeben hatte. Ich empfand diese Wohltat in jenen Monaten besonders stark; eine all- gemeine Nervosität hatte sich des ganzen Lagers bemächtigt. Die Erschießung der Russen, die Inbetriebnahme derSta- tion Z, die immer wieder auftauchenden Gerüchte von neuen und noch umfassenderen Vernichtungsmethoden alle diese schon eingetretenen oder noch zu erwartenden Ereignisse waren nicht dazu angetan, uns zu beruhigen. Ein neuer Lagerführer namens Suhren eröffnete seine Tätigkeit mit Einführung verschärfter Methoden. Wir mußten uns die Haare bis auf die Länge von drei Zentimeter stehen und dann eine von der Stirn bis zum Nacken reichende Gasse, die sogenannteSuhren-Allee, hineinschneiden lassen. Viele von uns, darunter auch ich, empfanden diese neue und auf- fällige Schändung ihres äußeren Menschen als entehrend und schmerzlich. Es genügte also nicht, daß wir Streifen an den Hosen, Kreuze auf dem Rücken und Nummern auf der Brust trugen wir wurden auch noch am Körper ge- zeichnet. Als eines Abends während des Appells Leute her- ausgerufen wurden, die der Kunst des Tätowierens mächtig waren, entstand sofort die Parole, daß wir nun alle, wie die Häftlinge im Vernichtungslager Auschwitz , eine Nummer auf den Arm tätowiert bekommen sollten, Das Gerücht bewahrheitete sich zwar nicht, aber es übte nun doch einmal seine Wirkung aus. Wir waren fest überzeugt, daß weitere, diesmal auch uns betreffende Massenexekutionen zu erwar-

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