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Korruption an allen Ecken und Enden Im Frühjahr 1942 suchte die ,, Unterkunftskammer der Verwaltung" einen Buchhalter. Mein Freund Hubert M., der dort als„ ,, Läufer" tätig war, empfahl mich dem Vorarbeiter des Betriebes, der seinerseits meine Überstellung beim Arbeitsdienst beantragte. Am 1. April verließ ich das Kommando ,, Hülsensortierer" und trat meine neue Stellung an. Sie unterschied sich in jeder Beziehung von der vorherigen. Ich saẞ nun wieder einmal seit längerer Zeit in einem sauberen Büroraum, hatte einen eigenen Schreibtisch, einen eigenen Kompetenzbereich und einen anständigen Vorgesetzten. SS- Unterscharführer Wilhelm Rügheimer, ein älterer Reservist, unterschied sich von den meisten seiner aktiven Kameraden durch seine unverkennbare Abneigung gegen die im Lager üblichen Korrektionsmaßnahmen, seine Großzügigkeit uns Häftlingen gegenüber und seinen Unglauben an den Endsieg. Er war mit tausend Dingen nicht einverstanden, stöhnte und ächzte unter dem„, Druck der Verhältnisse", wie er das nannte, und erwirkte uns, wohl zur Milderung dieses Drucks, gelegentlich ein Sondereinkaufsrecht für die Kantine des Lagers,
Diese Lagerkantine, in der laut Kopfvermerk auf den Briefbogen ,, alles gekauft" werden konnte, war wohl die einzige Lokalität, die man nicht mit Schrecken, sondern mit einer gewissen Zuversicht und Hoffnung betrat. Hier sollte es früher einmal tatsächlich alles gegeben haben, Ältere Häftlinge, die diese glorreiche Zeit erlebt hatten, schwärmten noch jetzt gelegentlich von den Wundern dieses Lokals, von den Zervelatwürsten und Schinken, den Mandeltorten und Streuselkuchen; zu meiner Zeit war von all diesen schönen Dingen leider nichts mehr vorhanden, es gab nur noch Brot, Sauerkraut, Quarkkäse und rote Rüben. Einige Monate lang wurden wir von hier aus allerdings auch mit„ Karo" belie
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