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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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XV

,, Perrunje" mordet, und

Böhm entläßt durch den Schornstein

Unvollständig wäre dieses Kabinett menschlicher Abnormi­täten, wollte ich auf die Schilderungen zweier Häftlinge ver­zichten, die einen vollen Anspruch darauf haben, hier genannt und gewürdigt zu werden.

Die beiden Häftlinge waren Böhm und Perrunje.

Böhm war ein kleiner und schmächtiger Mensch, etwas schief gewachsen, mit einem leicht gekrümmten Rücken, so daß sein Kopf etwas nach vorne hing und sein Gesicht etwas Lauern­des, Forschendes hatte. Wie von einem Holzbeil in der Hand eines nicht gerade sehr formsicheren Schnitzers zurecht­gehauen war dieses Gesicht, es hatte zwei böse und unsichere Augen, die mit ihren huschenden Blicken alles berührten, was ihnen in den Weg kam und dennoch nie lange auf einem Gegenstand verweilen konnten; die Nase war breit und ge­bogen, das Kinn nahezu viereckig.

Ich weiß, es ist das übliche Schurkengesicht, das ich hier schildere, Aber es bot leider keinen anderen Reiz, und die Dickens und Balzac, die Hoffmann und Dostojewski und wie die großen Analytiker der menschlichen Seele alle heißen, hatten ihre guten Gründe, wenn sie gewissen Gesichtern, ganz unabhängig voneinander, die gleichen Formen und Züge ver­liehen. Böhm war eben eine durchaus exemplarische Figur, hatte auch zwei affenartige lange Arme, an deren Enden die beiden Hände baumelten wie zwei Werkzeuge in Rohguẞ, zu grausigen Taten bereit.

Aber ich schäme mich, zu gestehen, daß dieser Böhm ein Politischer war, was ja wohl zu der Annahme berechtigt, daß er irgendwann einmal für ein Menschheitsideal gekämpft hatte, daß er irgendwann einmal den Versuch gemacht hatte, in die Sonne zu schauen und an irgend etwas zu glauben, was unberührt von menschlicher Tücke im Lichtstrahl einer

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