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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
97
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Gustav Sorge ! Ich gerate in tiefe Verlegenheit der geprie- senen Güte Gottes gegenüber, wenn ich an diese Figur, dieses Paradestück schöpferischer Böswilligkeit denke. Wir hatten viele Exemplare ähnlichen Kalibers im Lager: Hermann Campe, Bugdalla, die Gebrüder van Deetzen, den Revolver- helden Schubert, einen kleinen Hysteriker, dem der Speichel von den Lippen floß, wenn er einen Häftling mißhandelte, Oberscharführer Saathoff, die Herren Kniitler, Fickert und Kayser, Kommandeure der Strafkompanie, ferner den Knochenbrecher Lehmann und den Sudetendeutschen Zwejn aber an demEisernen gemessen, waren sie doch alle nur elende Knirpse, denn ich entsinne mich nicht, daß es außer Bugdalla auch noch anderen gelungen wäre, einen Häftling so kurzerhand totzuschlagen, wie das Gustav Sorge mit Hilfe eines Prügels, einer Eisenstange oder eines ähnlichen Instru- mentes fertigbrachte. Es ist mir rätselhaft, wie und wo so ein Mensch vor Beginn der nationalsozialistischen Ära, also ohne das Recht auf Totschlag, existieren konnte, Mir schien es stets, als könnte eine solche Person überhaupt kein irdisches Vorleben gehabt haben, als sei sie im geeigneten Augenblick direkt fix und. fertig aus der Hölle bezogen worden. Sein Gesicht glich auch ganz dem eines Teufels mit Falten und Schründen, erzbösen Augen und allen Zügen des Lasters. Nur Arno Musch und der Krematoriumsvorarbeiter Böhm, auf den ich später zu sprechen komme, hatten noch solche Augen; ich würde die Basilisken beleidigen, wollte ich sie mit den ihrigen vergleichen.

Ich kann nicht alles erzählen, was dieser Mann tat, denn er tat immer nur Böses, und ich entsinne mich kaum einer seiner Gebärden, die nicht den Zweck gehabt hätte, irgend etwas Böses anzukündigen. Er kam oft schon früh am Morgen vor dem Wecken bald in diese, bald in jene Baracke und schlug mit einem Prügel oder einer Eisenstange die Häftlinge aus den Betten. Er stürzte in den Krankenbau und trieb tod- kranke Menschen, Verwundete oder Operierte, in das Freie, da er der Überzeugung huldigte, daß es sich bei diesen Leuten nur umDrückeberger handelte. Er warf, während wir bei

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