der Arbeit waren, in den Blocks Tische und Spinde um, zer- störte den kunstvollen Bau der Betten, zerschlug Bilder und Lampenschirme, zerriß Bücher und Zeitschriften und ver- langte Wiederherstellung der alten Ordnung binnen einer halben Stunde oder einer womöglich noch kürzeren Zeit. Vor ihm war auch kein Blockältester sicher, er traktierte sie mit Besenstielen und Stuhlbeinen und warf ihnen, wie ein wüten- der Affe, den nächstbesten Gegenstand an den Kopf. Er war ein vollkommener Teufel— aber er liebte den Gesang und gab die erste Anregung zur Gründung eines Häftlings- orchesters. Ja, er besorgte sogar die erforderlichen Instrumente und ließ sich manchmal die„Post im Walde“ vorspielen oder sonst ein rührendes Lied. Dann stand er, die Arme ver- schränkt, mit gesenktem Haupt, in irgendeiner Ecke, und niemand konnte ergründen, was in seinem Schädel sich abspielte,,
Erschien es mir früher als eine beklemmende Vorstellung, Insasse eines Irrenhauses, also Nichtirrer unter Irren zu sein, so erlebte ich nun den noch krasseren Fall, Insasse einer An- stalt zu sein, in der zwar nicht meine Mitinsassen, wohl aber das gesamte Bedienungs- und Bewachungspersonal Irrsinnige
waren. Denn eine andere Erklärung für das Verhalten dieser Menschen gibt es nicht,
Was sollte man zu einer Erscheinung, wie sie dieser„Eiserne Gustav“ verkörperte, sagen? Oder was sollte man zu einem Menschen sagen, der, wie SS-Unterscharführer Baer, sich die Zeit damit vertrieb, daß er den Häftlingen seines Arbeits- kommandos auf dem Industriehof die Nasen mit schwarzem Eisenlack oder roter Mennigfarbe anpinselte? Und das nicht etwa mit einem frivolen Lächeln, sondern mit einem so an- gespannt ernsthaften Gesicht, wie es uns vielleicht an einem Künstler, der eben ein Meisterwerk vollendet, auffällt. Hier handelte es sich nicht mehr um primitive Quälerei, hier zeigte sich vielmehr so etwas wie ein infantiles Schöpfertum, das sich in den Mitteln vergreift und das hier auf einen totalen Kurzschluß aller geistigen Kräfte schließen ließ. Ich sah einen
88


