zur Durchsicht vorgelegten Briefe mit Randglossen und pädagogischen Marginalien zu versehen. Da konnte man zum Beispiel in einem Brief, in dem eine besorgte Mutter ihrem Sohn empfahl, auch weiterhin ein anständiger Mensch zu bleiben, die mit roter Tinte geschriebene Bemerkung lesen: „War nie anständig, sonst wäre der Lump nicht da!“
Nicht alle Zensoren machten sich diese Mühe; sie schnitten einfach alles, was ihnen nicht paßte, aus dem Brief heraus oder vernichteten den ganzen Brief und ersetzten ihn durch einen Zettel mit dem Aufdruck„Inhalt entspricht nicht der Lagerordnung.“ Ich selbst erhielt öfters einen solchen Zettel anstatt eines Briefes. Was ich aber der Zensurstelle hoch anrechne, ist, daß sie mir die köstlichen Briefe und Zeich- nungen meiner Kinder stets unbeschädigt aushändigte. Reizende, in Buntstift oder Wasserfarben ausgeführte Bilder- bogen, mit naiven Girlanden umränderte Briefchen ver- setzten mich in die liebe Welt der Kinder— und wenn ich auch nicht teilhaben konnte an den großen und kleinen Wundern dieser Welt, so gaben mir diese entzückenden Bil- derbriefe doch etwas vom hellen Schimmer eines Glücks, das der Mensch traumhaft genießt, um es erst in dem Augenblick ganz zu begreifen, da er es verloren hat. Für den Häftling, der jahrelang keine Möglichkeit hatte, seine Angehörigen wiederzusehen und auch niemals wußte, ob er sie überhaupt jemals wiedersehen würde, bedeutete ein Brief unendlich viel. Das Warten auf die Post war eine erregende Vorfreude — der Brief selbst ein hohes und tröstliches Glück. Man wurde nervös, wenn der erwartete Brief nicht kam, eine ganze Woche konnte einem dadurch zur Qual werden. Denn wir hatten nicht viel, woran wir uns freuen konnten, erst später, als durch die notwendig gewordene Schonung der Arbeitskräfte die Zügel im Lager etwas lockerer wurden, sorgten gelegentlich stattfindende Theateraufführungen, Konzerte oder Vorträge für unsere Zerstreuung. In den Jahren 40 und 41 wußten wir von diesen Dingen noch nichts; wir hörten bisweilen den Tschechenchor oder veranstalteten selbst Gesangsabende in den Baracken. Für die Allgemein-
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