Da die Lagerführung damals nichts mit zur Pflege des Ge- meinschaftslebens beitrug, im Gegenteil, Bestrebungen dieser Art nach Kräften bekämpfte(beispielsweise durch Einziehung sämtlicher im Lager befindlichen Musikinstrumente, durch Verbote von„öffentlichen Veranstaltungen, gottesdienstähn- lichen Versammlungen usw.“)— gehörte ein gewisser Mut dazu,(IM solche Darbietungen trotzdem zu ermöglichen und durchzu-||| führen, besonders, wenn man gewärtigen mußte, im„Be- i tretungsfalle“ in der lagerüblichen Weise bestraft zu werden.| Hier kam'es nun sehr auf den Blockältesten an, seine I] Autorität dem Lagerältesten gegenüber, sein Geschick, Ver- I anstaltungen der erwähnten Art zu tarnen, für die Be- schaffung von Papier, Schreibmaterial u. dgl. zu sorgen. Paul Gmeiner besaß alle diese Eigenschaften in hohem Maß. Er betrachtete es als seine Aufgabe, den Häftlingen das Leben auf dem Block so angenehm wie nur möglich zu| machen, was ihm auch bestens gelang. Durch ihn erhielt ich ı nun auch endlich, und zwar lange vor Ablauf der üblichen| Wartefrist, eine Lesekarte, die mich zur Benutzung der Lagerbücherei berechtigte. Ein schöneres Geschenk hätte mir damals niemand machen können. Ich entsinne mich noch, mit welcher Gier ich mich auf das erste Buch— es waren die Reisebilder von Viktor von Scheffel— stürzte. Von diesem Augenblick an hatte jede freie Stunde für mich einen reichen und vollen Inhalt. Ich war nicht mehr so ganz gefangen. Der Geist hatte einen Weg zur Freiheit gefun- den— und was uns der Tag an Bitternis und Schrecken auch brachte, das Buch, das mir der Abend gewährte, machte vieles wieder gut.
In dieser Bücherei des Lagers, die einer der liebenswertesten Menschen, die ich damals kennenlernte, der Schauspieler Edgar Bennert , leitete, bot sich eine Fülle wertvoller Bücher den Wünschen des Lesers. Neben den Werken der Klassiker N fand ich hier eine stattliche Reihe von Quellen zur deutschen| Literatur- und Kulturgeschichte. Kunstzeitschriften, Nach- schlagewerke, ältere und neue Romane— darunter merk- würdigerweise viele, die auf dem index librorum prohi- bitorum der Nazis standen, wie die Bücher von Sinclair
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