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Die Aufnahmeorgie
In der Nacht vom 18, auf den 19. April 1940, also in der ersten Nacnt meines Lageraufenthalts, hatte sich ein Häftling, wohl aus Gründen geistiger Umnachtung, aus seinem Block ent- fernt und in irgendeinem Winkel der Effektenkammer ver- steckt. Das Fehlen des Mannes wurde beim morgendlichen Zählappell festgestellt, und die gesamte im Lager dienst- tuende SS machte sich auf den Weg, den Vermißten zu suchen. Es dauerte mehrere Stunden, ehe einige Scharführer sein Versteck entdeckten. Da der Mann offenbar mit dem Leben abgeschlossen hatte, sprang er mit einem Messer be- waffnet aus seinem Schlupfwinkel heraus, warf sich auf einen der SS -Männer und brachte ihm einige nicht unbedeutende Verletzungen im Gesicht und an den Händen bei. Zu weiteren Angriffen kam er nicht, er stürzte von Kugeln durchbohrt zu Boden und starb,
Ich erwähne diesen Vorfall, weil er sozusagen die Stimmung des Tages abgab, eine Stimmung, unter deren Einfluß sich die uns zugedachten Aufnahmezeremonien ganz beträchtlich verschärften.
In den Vormittagstunden jenes Tages kauerten wir„Zu- gänge“ in Kniebeuge mit ausgestreckten Armen vor dem Häftlingsbad des Lagers, wo die Aufnahme und Einweisung stattfinden sollte. In die Kniebeuge waren wir gegangen auf Befehl eines Hauptscharführers namens Bugdalla, eines der brutalsten und rücksichtslosesten Gesellen, die jemals im Lager Dienst getan haben. Da wir in alphabetischer Reihen- folge aufgerufen wurden, mußte ich, dessen Namen mit einem W anfängt, ziemlich lange in dieser qualvollen Stellung ver- harren. Inzwischen bereitete Herr Bugdalla, zusammen mit seinem Kameraden Beyerle, den vor mir aufgerufenen Zu- gängen einen Empfang, an dem gemessen mir die Prügel- szenen vam Tage vorher wie Liebkosungen erschienen. Noch
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