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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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lichen Voraussetzung entbehrte, mich den immer deutlicher werdenden Gefahren gegenüber gleichgültig machte. Es wäre mir damals vielleicht noch möglich gewesen, das Schlimmste abzuwenden, hätte nicht die verhängnisvolle Einmischung einer im undurchdringlichen Dunkel der Anonymität arbei- tenden Macht in meine privaten Verhältnisse in mir eine Art Schwächezustand erzeugt, der mich die Wahrung des vor- dringlichen Sicherheitsprinzips übersehen ließ.

Ich übergehe die erbärmlichen Quälereien, denen ich zu jener Zeit ausgesetzt war, es genügt, wenn ich sage, daß ich im Herbst 1937 meine Schriftleiterstellung aufgeben mußte, nachdem nun auch der Aufsichtsrat des Verlages zu der Über- zeugung gekommen war, daß ich durch mein oppositionelles Verhalten und auf Grund der Gefahr, in die ich das Unter- nehmen gebracht hatte, nicht längertragbar sei. Ich war also wieder einmal einfreier Mann und mußte sehen, wie ich mich auf dem so schwankend gewordenen Boden meiner Existenz über Wasser halten konnte.

Mein Freund Dr. Reifferscheidt bot mir zunächst ein Asyl in seinem Sollner Heim. Ich nahm die Gelegenheit wahr und schrieb hier einen Roman in der geheimen Absicht, mir da- durch die Mittel zu einer Flucht aus diesen für mich in jeder Hinsicht unerträglich gewordenen Verhältnissen zu sichern. Leider erschien der Roman erst im Jahre 1940, also zu einer Zeit, da ich mich bereits im Konzentrationslager befand. Das Geld, das ich dafür erhielt, hätte mir einige Monate vorher die Lösung wichtiger Existenzfragen ermöglicht.

Außer diesem Roman entstanden Artikel und Buchbespre- chungen; da dies mit einem gewissen Erfolg geschah soweit auf der sterilen Ebene des nationalsozialistischen Geistes- lebens davon die Rede sein konnte, wurde die Gestapo neuerdings auf mich aufmerksam. Da sie es offenbar darauf angelegt hatte, mich als denkendes Einzelwesen auszurotten, schickte sie mir nachdem sie festgestellt hatte, daß ich keinem der beidenKulturverbände angehörte neuerdings einen ihrer Gefolgsmänner in die Wohnung. Wieder wurde mein Arbeitszimmer durchstöbert und verdächtiges Schriften- material mitgenommen. Was der Beamte, der schon genannte

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