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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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einander aufgeschlichtet drei Leichen, deren Gesichter dem Boden zugewendet waren, und setzte mich auf dieselben. Zog mir den ersten Jungen, der unmittelbar vor mir lag, heran, stellte meine Füße dazwischen und trennte, indem ich ihm mit dem Messer bis zum letzten Wirbel den Hals durchschnitt, den Kopf vom Leib. Da man täglich und immer wieder mit Toten herumwarf, wie man ein Stück Holz oder einen Sack wegbefördert, hatte man kein Empfinden mehr für solch kalte, abgestorbene Kadaver. Man summte oder pfiff sich dabei ein Liedchen, ohne sich etwas zu denken, und schnitt hurtig drauflos. Es mußte ja alles im Tempo geschehen. Es gab in diesem Keller oft schauerliche Laute, wenn zum Beispiel ein Toter, den man so über die Schleife herunter in den Keller schleppte und zur Ecke warf, wobei er noch halb sitzend an der Wand lehnte, plötzlich mit seinem Schädel auf den Stein fiel. Man kümmerte sich nicht mehr darum. Es kam auch nicht selten vor, daß ein noch nicht ganz Gestorbener noch einmal einen Seufzer von sich gab oder sich in der Kiste, in der noch ein zweiter lag, sich noch einmal um­drehte. In solchen Fällen mußte man eben nachhelfen.

So ähnlich war es auch an diesem Freitagnachmittag. Im Hintergrund, in einer dunklen Ecke, vernahm ich einen Laut, als fiele ein Erstarrter mit dem blanken Schädel zu Boden. Da ich zu bequem, vielleicht auch zu müde war, und viele Säulen davor­standen, sprang ich nicht auf und kümmerte mich nicht, was in diesem grauen Dunkel vorging. Ich schnitt einen Kopf nach dem anderen ab und rollte ihn gleich einer Kegelkugel hinter die Säulen in diese dunkle Ecke. Es dürften drei bis vier Köpfe gewesen sein, die ich nacheinander hinschob. Auf einmal begann ein Lebewesen furchtbar zu schreien und zu toben. Ich sprang, das Messer noch in der Rechten, auf und rannte dorthin, von wo der Laut gekommen war. Zu meinem Entsetzen sah ich einen auf dem Rücken liegenden höheren SS - Offizier, dem Dienstgrad nach Brigadeführer, der wie ein Wahnsinniger mit Händen und Füßen ausschlug und um Hilfe schrie. Ich packte diesen armseligen Gast und zog ihn durch die dunklen Gänge dem Eingang zu, wo er frische Luft bekommen sollte. Ich setzte ihn auf die Stufen, holte Wasser, öffnete ihm die Uni­formbluse und beruhigte ihn. Als er sich erholt hatte, verlangte er ein Auto und den Arzt. Ich lief um beide und als der Doktor kam und fragte, was mit ihm geschehen sei während ein Block­führer, der ihn begleitete, mir sofort die Pistole an die Brust setzte- erklärte er, daß ich ihm nichts getan habe. Er sei aus Neugierde in den Keller gestiegen, plötzlich von Unwohlsein befallen worden und habe das Bewußtsein verloren.

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Als er wieder aufwachte und noch nicht ganz zu sich gekom­men war, sah er um sich lauter abgeschnittene Menschenköpfe, die ihn zur Verzweiflung brachten. Da schrie er um Hilfe.

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Der Arzt brachte den hohen Funktionär ins Revier, ich wurde

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