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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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die Tür hinter sich zufallen und sang, sich vor dem Aquarium niederlassend, ruhig weiter, indem er dabei die kleinen Gold- fischlein mit einem Pinselstiel zu reizen versuchte. Willi hatte ein helles, wirklich schönes Stimmchen, äffte damit sämtliche Film- stars nach und traf jeden der Künstler großartig. Nach einer Weile, als ihm das Spiel mit den kleinen Fischen nicht mehr genug Zer- streuung bot, kam er näher und guckte sich meine Arbeit an.

Was hör ich, Peterle, du sollst der Chef der Pathologie wer- den? Du halbe Portion? Lächerlicher Zwerg, dich tragen doch die Toten fort!

Wie kommst du denn auf den Blödsinn?, fragte ich ihn und legte meine Stifte zur Seite.

Bin soeben zum Arzt gerufen worden und habe dort den Auf- trag bekommen, dich in das Werkl einzuführen.Peterle, mein gu-tes Peterle", sang er frisch und munter weiter. Ich unterbrach ihn und fragte noch einmal, ob das auch Tatsache sei. Er spaßte so viel, daß man kaum etwas Ernstes annehmen konnte.

Doch, fuhr er fort. Er hielt mir seine Rechte hin und lächelte. Wetten?

Dummkopf!, grollte ich ihn an.Will doch von der Menschenschlächterei gar nichts wissen! Was soll ich denn in die- sem Fleischerladen? Und was ist denn dann mit dir?

Entweder hängen s den Willi oder er geht heim!, antwortete er mir.

Wäre ja gar nicht auszumalen, Willi. Deine zwei Kinderchen und deine Frau würden ja in die Luft gehen vor lauter Freude!

Glaub es nicht!, antwortete Willi mit gesenktem Haupt. Eine tiefe Trauer schien den Lebenskünstler überfallen zu haben.

Meine Frau schrieb längere Zeit nicht mehr, und als ich dann wieder einmal Post bekam, fragte sie mich im Brief, was ich zu einer Scheidung sagen würde. Auch sie hat man von mir zu trennen versucht. Überall das gleiche Lied. Allen unseren Frauen wird das Gleiche in Aussicht gestellt:Ihr Mann kommt nicht mehr, schlagen Sie sich ein Wiedersehen aus dem Kopfe.;

Jedesmal, wenn meine Frau bei der Gestapo nachfragt, gibt man ihr diese Auskunft. Und wie lange kann eine Frau mit zwei Kindern dem standhalten?;

Ach Willi, wenn es eine Frau ist, die zutiefst mit dir ver- bunden ist, kann sie doch gar nicht mehr von dir! So versuchte ich, ihn zu trösten. Er ließ sich aber nicht davon abbringen, denn dieser Gedanke hatte sich schon seit Jahren in seinem Gehirn fest- gebissen. Wer konnte wissen, was zwischen den beiden Herzen ge- wesen? So lenkte ich ab und fragte ihn gleich wieder, was mit mir - in dem Fleischerladen werden solle,£;

Wie ich dir schon sagte, du übernimmst in Kürze meinen Posten!

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