„Mußt mir Läuse malen!"
„Nicht verstanden, Herr Lagerarzt!"
„Läuse werden nun gemalt!“
„Jawohl!"
„Na, das kann was werden’, dachte ich.„Läuse zu malen!“ Ich schmunzelte.
„Ja, ja‘, fuhr der Arzt fort, mich mit mißtrauischen Blicken betrachtend,„den Bazillusträger des Fleckfiebers!"
„Alles, alles daransetzen, damit die Zeichnung ganz groß wird, sie kommt dann ins Hauptquartier.”
Nach einer kurzen Erklärung am Mikroskop haute ich mit meinen kleinen Skizzen und Anmerkungen, die ich mir schnell an- gefertigt hatte, in das Zimmer Nr. 13 ab.
Nun ging's los. Eine Laus nach der anderen wurde mir vom Häftlingsarzt aus dem Russenlager hergebracht.
Die eine in natura, die zweite mit Kuprex behandelt und die dritte vergast.
Jener Arzt war auch Häftling und wegen Verdachtes der Abtreibung von Leibesfrucht als Berufsverbrecher in Vorbeugungs- haft genommen worden.
Er war der Leiter der Kuprexversuche im Russenlager und hatte den Befehl, die Untersuchungen wie Forschungen zu dirigieren.
„Kommst heute noch zu mir“, meinte er. Damit legte er mir wieder einige krabbelnde Dinger hin.
„Guckst dir einmal den ganzen Laden bei mir an, und wenn ich selbst noch nicht dort sein sollte, dann wartest du einfach auf mich, ich komm dann schon!“
„Ja, aber wie sieht's denn in diesem Russenlazarett aus?“, fragte ich mißtrauisch.„Man vernahm doch, daß dort die schreck- lichsten Krankheiten hausen sollen.
„Hungertyphus, Fleckfieber und Ruhr! Phlegmone und Tuber- kulose sind ebenfalls dort zu Hause, mein Jung! Also, sieh dich vor, wenn du kommst!‘, mahnte er im Hinausgehen,
„Jawohl! In alter Frische!”, schrie ich ihm nach.
Ruhr, Hungertyphus, ja, ja, mit Lastautos führte man dort die Leichen heraus. Ein fürchterliches Bild.
Ein mit Plachen überzogener Lastwagen rumpelte die rückwär- tige Straße dem Tor des Krematoriums zu. Er hatte die Menschen wie altes Knochengerümpel aufgeladen. Köpfe, Füße und Hände hingen über die Bordwand, und als der Lenker den Wagen vor dem Tor stoppte, verlor er gut zehn Stück von seiner unheim- lichen Ladung. Es erweckte den Anschein, als wollten die Leichen vor dem Ofen flüchten, als der zu Boden wandernde Rauchqualm sie empfing.
Ein schauerliches Bild! Trotz allem aber beneideten wir diese uns angrinsenden Fratzen. Tod ist Erlösung, ist Sieg über diese
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