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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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Immer wieder suchte ich die Stelle auf, an der ich das Schleifen der Leichen hörte, und immer wieder blieb ich betend zwischen dem dunklen, feuchten Gemäuer stehen.

,, Vater unser, der du bist in dem Himmel, geheiliget werde dein Name, dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden..." Täglich und immer war das Privatzimmer des Arztes meine Zufluchtsstätte. Dort sperrte ich mich ein, wenn Heimweh oder der tiefe Schmerz mich heimsuchten.

Morgens um 5 Uhr, oft noch früher, überholte ich mit Bürste und Lappen den roten Boden. Ich fütterte die kleinen Goldfischlein, die mich immer wieder trösteten, und sann durchs Fenster in die kommende Morgenröte. In einiger Entfernung erhob sich über dem Rasen die Warnungstafel mit dem Totenkopf vor dem geladenen Stacheldraht.

Posten trabten mit ihren schweren Stiefeln zwischen Mauer und Draht ihren Türmen zu und führten auf einem Schubkarren, der von Häftlingen geschoben wurde, das Frühstück für die Nacht­wache mit.

Leises, einzelnes Gezirp der Vögel und unheimliches Gekrächze aus den Lüften, das die Krähen im Morgenfluge ausstießen, belebten den Morgen.

Sie holten sich da drüben ihr Frühmahl. Dort, wo müder Rauch­qualm den Schlot verließ, unter dem der letzte Leichnam der Nacht verglühte und zusammenfiel.

Dort, wo sich nackte Leiber zu Bergen häuften und die grin­senden, starren Larven zu dem Mond starrten, dort holte sich der schwarze Segler täglich sein Teil.

Ein neuer Tag des Schreckens war angebrochen. Vom Turm A ertönte in aller Morgenfrühe das Wecksignal.

Alt und jung, todkrank und schwach, egal, sie sprangen alle wie von Hunden gehetzt aus ihren Betten, von ihrem Baumwollager. Ein Regewerden und hastiges Leben, ein Rennen um Leben und Tod durchzuckte das Lager der gestreiften Legionen.

Keiner wußte, ob er sein Bett am Abend wieder finden würde. Alles rannte, flüchtete vor den auf Rädern durchfahrenden Block­führern. Sie kontrollierten, ob wohl auch jedermann auf seinen Füßen stand. Es gab ja kein Erst- sterben- Müssen, es gab nur Leben­dige und Tote.

Hastig wurde das Bett gebaut, gewaschen und der schwarze Kaffee hinter die Binde gegossen, die Stube reingefegt und schon ertönte das Signal zum Appell. Alles stand in Reih und Glied vor seiner Baracke, Mann und Maus vor seinem Block!

,, Rechts um!", kommandierte der Blockälteste.

,, Im Gleichschritt- marsch!" Und eine Menschenschlange nach der anderen wälzte sich, einem Leichenzug ähnlich, aus der Lager­straße zum Appellplatz, der das Ende jeder Straße war.

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Im Leichenkeller