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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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kurzen Abständen, und erst nach längerer Zeit konnte ich mich so daran gewöhnen, daß ich einigermaßen schlief.

Sonntags, während die anderen Häftlinge ihre Briefe lasen, die sie von ihrem Lieb, von Mutter, Freund und Frau erhalten hatten, irrte ich stundenlang im Flockenrausch umher. Da quälten mich böse Bilder und Gedanken.

Ich sah mein verlorenes Lieb in glücklichen Stunden und das Gesichtchen stand immer vor mir.

Draußen in Gottes freier Natur, unter Tann und fliehendem Gefieder, sah ich sie in Sport und Liebelei verfangen, im tiefsten Rausch der Jugend.

Hast recht, dachte ich in einer besinnlichen Stunde wieder, warum sollst du trauern, vielleicht deine Jugend vergessen wegen eines Menschen, der doch längst zu den Toten zählt? Hast recht, lebe, solange du und dein Sein lebens- und begehrenswert sind! Später vielleicht ist es schon zu spät.

Anderseits wieder leitete mich das Kind in mir. Gram, unaus- löschlicher, nie endenwollender Schmerz belastete mich derart, daß ich mein langsam grau werdendes Haupt stets zur Erde geneigt trug. Langsam flüchtete ich vor dieser Welt, es wurde Zeit für mich, mich mit dem Jenseits zu befassen. Und so wartete ich, schon unwillig werdend, auf die erlösende Stunde.

Aus den Stehkommandos wurden wir zu schwerster Arbeit herangezogen, und noch elender als alles andere arbeitende Volk als die irgend Verwendbaren behandelt.

Muselmann war unsere Bezeichnung. Darunter verstand man eine kranke, dahinsiechende, kaum mehr auf den Füßen stehende Kreatur, die nicht einmal mehr das wenige Essen, das man ihr vor die Füße warf, verdiente.Krematoriumsanwärter,Sargbe- wohner undFriedhofsanwärter war unsere nunmehrige Bezeich- nung. Die Nummer, die in Kürze ausschied, der HäftlingMusel- mann', der in Bälde den Flammen übergeben werden sollte.

Nun war auch ich dort angelangt, wohin ich nie hätte kommen sollen, dort, wo man, ehe man hinkommt, sich durch freiwilligen Verzicht aufs Leben glücklich machen kann.

Der Muselmann Nr. 39.123, der unglücklich in Vergessenheit Geratene, der Einzelgänger ohne Freund und Heimat, ohne Lust und Leben, der, an einer Schnur seinen Sarg hinter sich herziehend, die Straße zum Friedhof wandelte, und sehnsüchtig mit betautem Auge Ausschau nach dem Tore hielt dieserMuselmann war ich:

Ein Tag voll Schrecken neigte sich vor meinem Antlitz. Die Sonne grüßte mit ihrer letzten Strahlen allerletzten Glut. Ein kleines

Stehkommando rückte mit mir als Abladekommando in das Klinker- werk aus. Wir hatten Autos mit Baumaterialien entladen. Die schweren Zementsäcke, die ich schon seit dem Morgen auf dem Rücken trug, drückten mich bis zum Abend bereits zu Boden. Keinen

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