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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
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Die Arbeitszeiten wurden eingehalten, Freizeit und Nacht standen wir. Eisige Kälte, peitschende Stürme begleiteten nun unser Unglück. Schwächere und Kranke mußten also ganz sicher daran glauben. Sie fielen in der Einteilung plötzlich um und mußten dann auf dem Boden liegenbleiben. Und wenn so einer dann bei 28 bis 30 und noch mehr Grad Kälte stundenlang den anderen Kameraden zu Füßen lag, war er verloren. Niemand durfte ihm helfen. So gab es bei den Tausenden von Krüppeln auch ebenso viele Krepierende. Es gab wieder einen Haufen von Leichen. Dabei waren nicht einmal alle der Umgefallenen tot!

Im Keller wurden dann alle aufeinandergeschlichtet, und der, der eben Glück hatte, kam oben auf den Haufen zu liegen. Der Unglück­liche, der unten lag und noch nicht ganz tot war, mußte auf diese Weise unbedingt ersticken. Am nächsten Morgen, wenn man den Keller öffnete, standen plötzlich drei, vier nackte Gestalten vor einem, auf deren Oberschenkel mit Tintenstift etwa geschrieben war: Geb. am 1. 6. 1910, gest. am 3. 1. 1942.

Es kam aber auch vor, daß ein SS- Mann die Armen mit einem Genickschuß nach ihrem ,, Glück" noch glücklicher machte.

Nach diesem Muster ging es nun schon seit den ersten Wochen des Jahres 1942. Ein wahrhaft trostloser Anfang! Am Schlusse dieses Katz- und- Maus- Spieles kam eines Tages die Maus mit einer großen Trommel um den Hals trommelnd durchs Tor marschiert.

Mitten auf dem Platz stand ein Block bereit, den der Delin­quent nach seinem Rundgang besteigen mußte. Zwei der SS - Männer, mit Stahlruten bewaffnet, standen da mit aufgekrempelten Ärmeln. Grinsende Gesichter sah man hinter den Schlagenden, der Herr Lagerführer, der Herr Lagerarzt, der Überwacher der Zeremonie, der Rapportführer und viele andere Neugierige waren da.

Der Flüchtling wurde nun am Kopf gepackt und über den Block gestreckt. Und es ging los! 25 Doppelschläge aus allen Leibes­kräften der Schlagenden bissen sich ins Fleisch der Maus"! Oft genug schlugen sie dem Ärmsten das Rückgrat ab oder die Niere wurde dabei zerrissen, immer aber wurden die Beckenknochen schwer verletzt. Viele traf der Herzschlag, andere wieder starben nachher unter furchtbaren Schmerzen.

Nach dieser ,, Kulturzeremonie" wurde der Eingebrachte in den Bunker gesteckt. Dort blieb er 42 Tage liegen. Jeden vierten Tag bekam er etwas zu essen. Wurde das Geschirr am vierten Tag nicht in Ordnung befunden, bekam der Insasse erst am achten Tag wieder etwas. Sonst gab es Brot und Wasser, hartes Lager und dunkle Zelle und Prügel, sooft der Herr Scharführer die Zelle betrat.

War der Geflüchtete mehr als einen Tag unterwegs gewesen, wurde von der Lagerleitung ,, Einbruch" angenommen, der an­geblich in der Nacht durchgeführt worden war.

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,, Atelier" im Keller