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ließen sich in ihrem Feierkleide sehen. Oft war mir die Kehle wie zugeschnürt.
Ich sah meine Geschwister mit allen Kindern unseres Dorfes, wie sie spielten und sich durch alle Gassen tummelten, den Baum im Lichterglanze— ich träumte von einer Zukunft!
Es war zwar sehr unzeitgemäß, an anderes als an das Verenden zu denken, aber trotz allem tat ich es gern. Es flog dabei ein Tag nach dem anderen vorüber und ich kam mit niemand ins Gespräch. Es war mir auch lieber, wenn kein Mensch mich anredete,
Wieder waren Wochen vergangen. Endlich, an einem schönen Sonntag, als wir nach der Arbeit einrückten, war wieder Post von meiner Allerliebsten da. Als ich die Schrift auf dem Umschlag er- kannt hatte, begann ich zu zittern. Vorerst war ich nicht imstande, den Brief zu öffnen— ich hatte noch nie dagewesene Hemmungen. Vorläufig trug ich ihn also in der Tasche herum. Auch hatte ich große Angst, da ich nach den Erklärungen des Rapportführers weder an sie schreiben noch von ihr Post empfangen durfte. Ich wußte ja auch nicht, ob der Brief etwa absichtlich durchgelassen worden war— aber mir war es schon egal. Nach langem Zögern öffnete ich und las. Las noch einmal, wieder! Ich traute meinen Augen nicht— sie schwor mir neuerlich Liebe und Treue!
Schnell ging ich zu Leo. Ich ließ ihn lesen und beobachtete seine Haltung. Oft hatten wir wegen Elfi gestritten und immer wie- der versuchte er, mir auf irgendeine Art weh zu tun. Fand er das Geringste, warf er es mir ins Gesicht. Auch war er jetzt an und für sich schlecht zu sprechen auf mich, weil ich zu den Malern und er zu den Anstreichern gekommen war. Was konnte ich dafür? Seine Tat in Dachau war eben denkbar schlecht gewesen. Außerdem war er der Typ eines Trinkers und wirklich ein asoziales Element. Seine Angeberei war unerträglich, sein Können dagegen ließ alles zu wünschen übrig. Eine richtige, große, norddeutsche Fresse! Wer vertrug das gerade hier, wo alles bis zum Zerreißen gespannt war? Niemand! Auch war Leo sehr falsch. Er hatte Gelegenheit, im Block zu organisieren und tat das auch. Von Woche zu Woche nahm er zu, während ich kein Stück Brot im Spind hatte. Da es ausgemacht war, alles zu teilen, was in unseren Fingern blieb, tat ich wie ver- sprochen. Er aber verschenkte sein Essen im Block und ich hungerte.,
Bei den Asozialen und Berufsverbrechern gab es Eßwaren in Hülle und Fülle. Aus ihren Reihen stammten ja die Capos, die in Küche und Keller als Aufsichtspersonen angestellt waren. Wenn auch nur mit faulen und schlechten Zutaten gekocht wurde, war es doch Essen, das den Magen füllte.
Für jede von uns Kreaturen war nicht die Qualität, sondern die Quantität maßgebend und von größter Wichtigkeit.
Immer loser war unsere Kameradschaft geworden und wir wichen einander sogar aus.
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