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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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auch Jauche. Die Sehnen schmerzten unsäglich. Bis auf die Haut waren wir seit Tagen durchnäßt, und am Morgen mußten wir immer wieder in die nasse gestreifte Uniform! Es schüttelte uns, wir froren. Wind durchzog das Lager, es war kalt. In meinem Rücken machte sich der Schmerz immer mehr bemerkbar. Unglück- liche Tage, schlaflose Nächte. Was sollte noch werden? Den ganzen Winter in Gottes freier Natur? Jetzt, da ich nicht mehr konnte? Hab Erbarmen, Himmel über mir, sieh doch, mein Ende will sich nähern. Ich kann doch nicht mehr, laß mich sterben, aber martere mich nicht! Schenk mir wenigstens ein Lebenszeichen von meinem Lieb oder von meiner Mutter! Dann könnt ich leichter tragen!

Eines Tages wurden wir zum Rapportführer befohlen. Er war ein gefürchteter, roher Sachse. Als wir vor ihm standen, beguckte er uns, dann las er die Akten und fragte mich:

Warum bist du hierher versetzt worden?

Darauf zu antworten war sehr schwer. Weil ich sie liebte? Auf- richtig liebte? Ich antwortete:

Ich liebe ein Mädchen und kam mit ihm fallweise zusammen, das heißt, wir haben einander brieflich verständigt.

Ja und dann?

Ja und dann nichts mehr.

50, so, schrie er,dir werd ich noch zeigen, was das heißt, Briefe schreiben! Du kommst mir nicht mehr aus dem Lager und wehe dir, wenn du dich unterstehst, ihr auch nur einen einzigen Brief zu schreiben. Ich werde die Zensur schon aufmerksam machen! Glaube nur ja nicht, daß du noch einmal heimkommst. Ich werde dir das Lager zur Hölle machen! Arbeiten wirst du, bis du umfällst, Schwein, erbärmliches! Was tatest du in Dachau ?

Zuletzt malte ich für die Reichsführung, gab ich zur Antwort.

So kannst du auch Köpfe malen?

Jawohl, war meine Antwort. Sie war mein Glück, das fühlte ich sofort.

So, dann werde auch ich einmal gemalt, verstanden?

Jawohl!

Und du?, sprach er, zu meinem Kameraden gewendet.

Du bist wohl auch so ein Schwein, euch helf ich schon noch!"

Da er scheinbar zu faul war, aufzustehen, blieb er sitzen und ließ uns abtreten mit den schönen, oft gehörten Worten:Weg der Haufen! Wir waren schneller, als wir selbst glauben konnten und liefen wieder zu unserer Arbeit.

Glück gehabt, meinte mein Kamerad,der kann närrisch werden!"

Dann wurde wieder weiter gearbeitet. Wir trugen weiter, wartend auf kommende Dinge. Ob gut oder schlecht, es hieß nur abwarten und geduldig tragen.

Die Tage umkrallten erbarmungslos mich armes Geschöpf. Zu- tiefst krampften sie sich mir ins Fleisch. Aus allen Wunden quoll

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