fremde Erde und manche Träne erpreßte mein Sehnen nach bitterer Jugendzeit. Trotz allem— es waren doch schöne Tage gewesen! In es ihnen lebte ja Freiheit! Es war einmal!:
Sag mir, Himmel, soll ich jetzt schon mein Ende finden? Oder sind mir noch einige sorglose, freudenreiche Tage gegönnt?
Denk’ nicht! Nimm deine Palette, male! Großmütterchen mit den Enkelkindern wartet ungeduldig auf dem Brett.
Ich schlage noch einige Farben ins Haar. Silbrig ist es schon. Auf meinem Haupt wird es auch langsam Herbst. Du bist achtzig Großmutter. Erst siebenundzwanzig bin ich.
Ich muß mich setzen. Meine Füße drohen, mich nicht mehr zu tragen. Warum? Blöde Frage! Hunger! Es gibt nichts zu essen! Male!
Weihnachtliche Stimmung. Sternchenreigen vom Himmel in heiliger Einsamkeit. Wo ‚sind die vielen brennenden Bäumchen, unter denen ich manches wunde Herz mit meiner Geige aufrichtete? Zur Helle entzündete? Ich war immer in Schmerz gehüllt, ja, aber, es waren unvergeßliche, traumschöne Stunden...
Da drunten die alte, vielgeliebte Heimatstadt mit unzähligen weißen Häubchen auf den Giebeln. Dumpfes Geläute. Wie pochte das Herz, wenn hoch vom Turm die alten Krippenlieder klangen, wenn das„Stille Nacht, heilige Nacht” an die Geburt des lockigen Kindes erinnerte.
. Oft war ich mit meiner Geige durch die dunklen Gassen ge- irrt und hatte mich mit jedem Kind gefreut, das das Christkind suchte.
„Hast du es gesehen?”
Dann erzählte ich ihm, daß ich sogar mit ihm gesprochen hätte. Und wenn das Geschichtchen zu Ende war, lief der Kleine schnell, es den Geschwistern wieder zu erzählen.
Wie schön waren damals jeder Tag, jede Stunde!
„Ich atme Harz und fühle Grün, seh’ Weihrauch durch dein Stübchen zieh’n, den Lichterbaum in deinen Tränen spiegeln...“
Es war der erste Heilige Abend, den ich in den Gemäuern des Grauens mitmachte.
Kalte Zelle, leere Mauern, Totenstille und Einsamkeit. Dem Liebchen galten die wenigen Zeilen, dem Mädchen, das mich längst vergessen, längst an anderen Lippen hing...
Jetzt kommt er wieder, dieser große Tag. Ob ich ihn wohl noch erleben oder, wenn er anbrach, schon an Vaters Seite liegen werde? Er geht um mich mit seinem Geist und schmunzelt, spielt mit seinen Fingern auf meiner Palette und läßt aus seiner Welt ein leises Klingen an mein Ohr pochen, als wollte er sagen:„Ihr beneidet uns, ihr armen Leiber!"
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