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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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durch Mittageinrückung, Mittagzeit, Ausrücken zum Appellplatz und Wiederausrückung hatten und machte ihm den Vorschlag, uns über Mittag mit einem oder zwei Posten auf unserer Arbeitsstätte zu

lassen, da wir in dieser Zeit viel Arbeit leisten könnten.

Das akzeptierte er sofort und nun gings los! Erst machte Vogt eine Eingabe an die Lagerführung, die ergebnislos blieb. Dafür schlug die Wahl des Weges über Berlin wie eine Bombe ein, da man uns von dort die gleiche Menage vorschrieb wie der Be- wachungsmannschaft. Ein Mann mußte das Essen holen und die beiden Posten wurden mittags von der Küche gestellt. Sie.begleiteten den Essenholer des Malerkommandos auf die Plantage, ohne uns freilich immer alles zu geben, was sie in Wirklichkeit gefaßt hatten. Wir bekamen zum Beispiel keine Orangen, keinen Eiersalat und keine Mehlspeisen das strichen sie uns einfach. Aber auch das gewöhnte ich ihnen bald ab. Ich bat Vogt, er möge bei uns Stich- proben machen und sich dann erkundigen, was wirklich ausgegeben worden war. Auch das geschah und mein vorgesetzter Kommandant beschwerte sich bei der Lagerführung. Er sagte zwar nicht, daß die SS uns Speisen vorenthalte, sondern daß vermutlich schon in der Küche von Häftlingen gestohlen werde. Das war zwar unmöglich, aber da die Lagerführung wußte, daß jede Beschwerde mit einer Mel- dung nach Berlin verbunden war, da ein Durchschlag dorthin ging, war sie sofort bereit, kräftig einzugreifen. Von nun an bekamen wir das gleiche Essen wie die SS.

Für mich persönlich hatte das bessere Essen keinen Wert. In mir begann eine Krankheit ihre Netze zu spinnen und ich nahm trotz der besseren Verpflegung statt zu immer mehr ab. Der Kampf, der heraufbeschworen war, gestaltete sich nicht einfach und war mit wachsenden Aufregungen verbunden. Eine Anzeige löste die andere ab und ich als Capo war ständig den Vorwürfen und Gemeinheiten des Lagerführers ausgesetzt. Früh um 5 Uhr wie abends um 10 Uhr stand ich vor ihm. Er ohrfeigte und schlug mich grundlos, so daß mir Essen und Arbeitslust vergingen. Ich versuchte mit allen Mitteln, mich zu wehren und grübelte Tag und Nacht, wie ich mir helfen könnte. Ständige Beschwerden bei meinem Kommandanten mußten ja auch bald lästig werden und eines Tages konnte er meiner ewigen Klage überdrüssig sein. So trachtete ich zu bremsen und nichts mehr vorzubringen. Das ging aber nicht lange. Der Lagerführer durch- schaute meine Methode bald und trachtete, mich so schnell wie möglich in den Bunker zu bringen. Er prophezeite mir sogar, daß ich bald dahinten verrecken würde.

Ich wußte, daß eine Beschwerde, wenn man sie ähnlich ihrem Wortlaut nach Berlin weiterbefördert hätte, mich als frechen An- zeiger entlarven würde. So wurde jede Anzeige mit den ver- schiedensten Untermalungen und verbrecherischen Einfällen so aus- geschmückt, daß daraus alles zu ersehen war, ohne daß der Verdacht

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