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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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suchten wir beide, so schnell wie möglich einige Bilder fertigzu­stellen, um unsere Existenzberechtigung nachzuweisen. Es war uns ja nicht egal, ob wir im Freien, jeder Witterung ausgesetzt, oder unter schützendem Dach unser Leben verbrachten.

Diese Zeit löste in mir den Drang nach Noten und Instrumenten aus. Vor mir stand ein Blümlein prächtigster Art, das ließ sich tausendmal besingen. Ich unterhielt mich gern mit diesem blühenden Wunder. Kaum verblühte ein Stern, öffnete ein anderer sein Äuglein dem Licht, oder aus dem Stengel züngelte ein frisches grünes Blättchen hoffnungsvoll in die Welt. Wie schön war das mitten im Winter! Schon in der Freiheit waren mir die Blumen die liebsten Kleinode im Erdengarten. Wie oft besang ich eine prächtige Blüte, die sich neben der Baumwurz versteckt hielt, wieviele Gedichtchen schrieb ich über sie, meine liebsten Sprößlinge. Veilchen, diese Himmelstränlein, tropften ihr Blau tief in mein wundes Herz und richteten mich wieder auf. Wieviel Liebenden, fürs Leben Ver­sprochenen bringen sie immer wieder neue Freude, neue Lust am Leben. Selbst den Toten grüßen sie und ihre Hälschen strecken sie noch auf den schwarzen Schlitten, bis sie unter Erd' und Stein ver­gehen. So standen und prangten sie vor mir, der sie immer kindlich ergriffen betrachtete, wo immer sie der Schöpfer hingestellt.

So auch hier. Jetzt, gerade jetzt gaben sie mir Mut und neue Kampfesfreude. Sie richteten mich auf und plauderten in nackter Un­schuld Geheimnisse und Schönheiten. Dabei mußte ich Umgebung, Kälte und Hunger vergessen. Ihre Pracht, ihr unbeugsamer Lebens­wille, ihre daseinsbejahende Eigenart wirkten solange auf mein Inneres, bis ich zuletzt doch wieder zum Notenpapier griff und die einst begonnene Symphonie in Partitur zu setzen begann. Ich ver­barg mein Notenpapier unter dem Zeichenblatt und schrieb, wenn die Umgebung etwas ruhiger war. Kascak paẞte auf, damit niemand mich überraschen konnte und so entstanden Note um Note, Satz um Satz in den vor mir liegenden Zeilen.

Akkorde sandten ihre klingende Seele gegen den Himmel. Im Blütenzittern fühlte ich mich leicht und unbeschwert und im Raunen der Natur ging ich gleich einem Käfer durch die blühende Welt, mitten im Hasten und Morden der Menschheit. Gleich blühenden, farbenfrohen Tulpen züngelten die Harfenakkorde, die dankend Gott, dem Schöpfer, zuloderten.

Bald aber begann ein furchtbares Ringen zwischen uns und dem Kommando, bezw. den Blockführern wegen dieser Ausnahme­stellung. Derartiges vertrug man nicht. Unter solchen Umständen konnte ja ein Häftling sein Leben zu lange erhalten. Also begann man zu intrigieren oder die Günstlinge zu schikanieren. Dazu kam, daß verschiedene Capos oder Häftlinge jedes Zusammentreffen mit einem Kompetenten der SS dazu benützten, uns schlecht zu machen oder festzustellen, daß unsere Arbeit nicht notwendig sei. Jedes die­

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