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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
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Von einem Tisch zum anderen wurden wir gezerrt, um unsere Personalien anzugeben. In der letzten Rubrik stand der schöne Satz: ,, Wer ist nach Ihrem Tode zu verständigen?"

Was meine Augen in diesen Stunden sahen, genügte, um das Ende als Trost zu empfinden. Nach Bad, Kleiderfassen und Ein­kleidung wurden wir freigegeben. Am nächsten Morgen sollte das Weitere kommen. ,, Gott behüte mich davor", dachte ich im Stillen. Wir wurden nun von den Blockältesten, älteren Häftlingen, abgeholt und in den Block mitgenommen. Ich landete auf Block 3. Er war sehr angesehen, weil dort meist Führer politischer Institutionen, die sogenannte ,, Lageraristokratie", untergebracht waren. Hier handelte es sich um Menschen aus kommunistischen Kreisen, ehemalige Reichstagsabgeordnete, Propagandisten usw. Mein Blockältester, ein handfester Krieger, groß und unbändig stark, stammte ebenfalls aus diesen Reihen. Ich fühlte mich direkt geschützt. Er sah mich einmal an, fragte mich, woher ich gekommen sei und sagte auf meine Ant­wort: ,, Endlich wieder a vernünftiger Mensch." So sprach er von jedem Süddeutschen. ,, Wir werd'n uns schon versteh'n", fuhr er fort, ,, Es is' net so schlimm! Die ersten fufzehn Jahr' ziag'n si' dann geht's glei besser. Gelt, Kleiner?" Bei diesen Worten streichelte er meinen geschorenen Kopf.

Mir wurden ein Spind und ein Bett zugeteilt, dann zeigte man mir das Bettbauen. Das war eine heikle Sache für mich, denn wenn ein Blockführer bei einem Häftling nichts auszusetzen fand, waren bestimmt Geschirr oder Bett in Unordnung. Man erzählte mir, daß das ,, Baum" oder ,, 25" zur Folge habe.

Zögernd fragte ich, was ein Blockführer in Unordnung gefunden haben müsse, oder, besser gesagt, was diese Leute als unordentlich bezeichneten, um solche Strafen zu verhängen. Die Betten waren doch wie von Baumeistern gebaut.

,, Nichts muß er finden, nur wollen muß er", meinte ein Häftling. ,, Im besten Fall kommst du drei Wochen um dein Mittagessen, wenn du statt zum Essen zu gehen, Betten bauen mußt. Lernst es aber schon halb so schlimm!"

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,, Jaund was heißt ,, Baum?"

,, Dazu kommst du auch noch zu rechter Zeit", raunzte er mir zu. Dieses ,, Anroffeln" jüngerer Häftlinge hatte mich am Anfang gekränkt. Später verstand ich, daß diese Leute nichts anderes kannten, da man sie selbst zu jeder Minute auf das gemeinste an­pfauchte. Es herrschten eben ein wüster Ton und peinlichste Ordnung.

Um zehn Uhr gingen wir zu Bett.. Anfangs getraute ich mich nicht, das Lager zu besteigen. Wehe, wenn ich morgens das Bett nicht bauen konnte, wie alle andern es durch langjährige Praxis im­stande waren! Von Schlaf war also keine Rede. Angst hatte ich und wieder Angst. Schreckliche Bilder quälten mich, Heimweh und alles,

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Plan des Konzentrationslagers Dachau