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Julius Berger und das Dritte Reich / Bruno Marcuse
Entstehung
Seite
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Gegensätze. Es waren Konzerte, Aufführungen und Vorträge erlaubt, es gab sogar Kabaretts. Der Sohn eines weltbe­kannten Operettenkomponisten, dessen Lieder jeder kennt, leitete ein solches. Wie die übrigen Künstler sah er blaẞ und müde aus; man merkte ihm an, wie er sich zwang, elastisch zu erscheinen. Es wirkte erschütternd, wenn seine abgezehrte Gestalt über die Bühne ging und dabei den feschen Liebhaber markieren mußte. Als ein Lied von der Heimat und den fernen Lieben erklang, kamen vielen die Tränen. Würde man die Seinen jemals wiedersehen? Wir alle kennen die Schilderungen aus den französischen Gefängnissen zur Zeit der großen Revolution. Die ein­gekerkerten Personen, meist Aristokraten, warteten auf ihre Aburteilung, die sie zur Guillotine zu bringen pflegte. Bis dahin hatten sie die Möglichkeit, eine gewisse Geselligkeit auszuüben, die sogar zu Tanzveranstaltungen führte, und machten Gebrauch davon. Nach den in Theresienstadt ge­machten Erfahrungen erscheint das nicht einmal sehr ver­wunderlich. Das Bedürfnis, auf diese Weise etwas Haltung zu gewinnen, wenigstens aus dem Kerker der Gedanken für kurze Zeit entfliehen zu können, ist in kultivierten Naturen vorhanden.

Jedoch solche Unterhaltungsabende sind anders geartet als unter freien Menschen. Man merkt die Absicht sich zu betäuben, und die Fesseln der traurigen Gegenwart sind nie ganz abzustreifen. Das Elend, welches aus jedermanns Er­scheinung und Antlitz spricht, gibt dem Ganzen eine nieder­drückende, etwas bizarre Note. Mittelalterliche Maler haben solche Kontrastwirkungen gut beobachtet und in Bildern wie dem Totentanz auszudrücken gewußt. Es sei hier eingefügt, daß es in Theresienstadt weder Radio noch Zeitungen ge­geben hat.

Aber

Unter den Juden lebten eine Anzahl von Dichtern und Malern, die verschiedene Motive dargestellt haben. wehe denen, die es wagten, Not und Sorge wiederzugeben. Die SS. kontrollierte scharf, und wurde etwa ein Skizzenblatt aufgefunden, das geeignet sein konnte, Mitleid mit den Ge­fangenen zu erwecken, so kam der Urheber auf die kleine Festung, ein Vorwerk von Theresienstadt. Von dort kehrte kaum einer lebend wieder zurück. Die Insassen dieses Vernichtungslagers wurden zu härtester Arbeit gezwungen, mißhandelt und umgebracht.

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Jährlich 10 000 Leichen schaffte man von dieser kleinen