Es war im Jahre 1938. Die Angehörigen, die die Ausreisenden zum Ueberseedampfer begleitet hatten, gingen von Bord. Leise zitternd glitt das Schiff in die Fahrrinne. An der Reeling lehnten die Menschen und winkten den Zurückbleibenden die letzten Abschiedsgrüße zu. Auf dem Pier stand das alte Ehepaar Berger und schaute lange dem entschwindenden Fahrzeug nach, das ihre Kinder und Enkel von dannen trug.
Frau Berger vermochte den Strom ihrer Tränen nicht zu hemmen. Wie gern hätte sie die nach Südamerika auswandernde Familie begleitet und willig ihr unsicheres Emigrantenschicksal geteilt. Aber Julius Berger konnte sich nicht entschließen, seine Heimat im Alter zu verlassen. Jude von Geburt, hing er an Deutschland , dem der Inhalt seines Lebenswerkes gegolten hatte. Er glaubte auch nicht so recht an alle die fürchterlichen Pläne gegen die Juden, von denen man raunte. Hatte er doch bis vor geraumer Zeit stets nur Gerechtigkeit und Förderung in sachlicher Arbeit erfahren, und außerhalb seines Berufes war er niemals hervorgetreten. Was konnte ihm und seiner Frau da wohl geschehen?
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Aber die Kinder, das war etwas anderes. Die hatten ihr Leben noch vor sich, deren Zukunft mußte bedacht werden. Lange Besprechungen mit dem Rechtsanwalt Marx in Berlin waren vorangegangen, um die Wege für eine Auswanderung zu ermitteln und die Bedingungen hierfür zu erfahren. Emigranten sind nirgends willkommen, namentlich nicht, wenn sie wie hier ihr Vermögen zurücklassen müssen, und ihr Beruf dem Adoptivland keinen Anreiz zur Aufnahme bieten kann. Man mußte schließlich zufrieden sein, daß sich überhaupt ein Land fand, das solche finanziell entblößten, sowie innerlich und äußerlich ungenügend vorgeschulten Menschen bei sich aufnehmen wollte. An klimatische oder sprachliche Schwierigkeiten durfte man nicht denken. Zehntausende sind so in unbekannte Fernen gezogen, Tausende
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