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Julius Berger und das Dritte Reich / Bruno Marcuse
Entstehung
Seite
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Es war wieder einmal um die Mittagstunde, und man ging zum Essenfassen". An den Schaltern herrschte Lärm und Gedränge. Es kam öfters vor, daß man sich um die Plätze zankte.

Ich stand vor Ihnen", sagte eine Frau zur andern. Diese bestritt es, und jede verlangte den Vortritt. Berger meinte spottend zu seinem Begleiter: Wie Kriemhilde und Brunhilde vor der Kathedrale von Worms ."

Jede Kartoffelportion wurde einzeln vorgewogen. Trotzdem gab es auch hierüber erregte Auseinandersetzungen; dem einen schienen sie zu wenig zu sein, dem andern zu schlecht.

Wundert Sie das alles?", meinte der Arzt zu Berger. .Die Menschen sind hier völlig überreizt, und solche Auftritte gehören zu den Alltäglichkeiten."

An der Tafel las man den Speisezettel: Suppe 0,3 Liter

Szegediner Gulasch 120 Gramm

Kartoffeln 250 Gramm

Dieses Gulasch", meinte Berger ,,, enthält doch überhaupt kein Fleisch, nur Knorpel, Haut und Sehnen, aber es ist erst­klassig zubereitet. Wie bringen die Köche das zustande?"

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Es sind alles Tschechen in der Küche", erwiderte der Arzt. Die verstehen zu kochen und wissen selbst aus dem ge­ringsten Ding noch schmackhafte Speisen herzustellen. Ich muß selbst oft darüber staunen." Aber sehen Sie doch einmal diese zierliche alte Dame an, die dort drüben steht", fuhr er fort. Sie ist eine der klügsten Frauen, die ich je­mals kennengelernt habe. Als sie hierhergebracht werden sollte, sprang sie, um der Festnahme zu entgehen, in Prag in die Moldau, aus der man sie besinnungslos herauszog. Ihre vielseitigen Interessen und ihr Wunsch, die ganze Welt kennenzulernen, brachten sie in Verbindung mit der Presse.

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