Als er näher kommt, stutzt er.„Was machen Sie denn hier? Wie kommen Sie in diese Gesellschaft?“ „Ja, die Frage habe ich mir selbst auch schon gestellt. Es heißt, ich sei zu meiner eigenen Sicherheit hier. Ich bin allerdings etwas skeptisch ob dieser Erklärung.“ Zweifelnd wiegt er den Kopf.„Warum skeptisch, ganz sc unrecht haben meine Landsleute nicht. Es steht Ihnen nicht an der Stirn geschrieben, wer Sie sind. Wollen Sie hier bleiben oder zurück nach Hasnon ?“
„Ich möchte mit der ersten besten amerikanischen Ab- teilung zurück nach Deutschland . Können Sie denn nicht verstehen, daß es mich zur Heimat zieht? Nicht nur, weil ich sie so lange nicht gesehen habe, nein, weil ich an- nehme, daß gerade jetzt nach der Niederlage jeder Anti- faschist dort gebraucht wird. Außerdem— haben Sie eine Mutter? Meine Mutter wartet auf mich seit zehn Jahren. Seit einem Jahr weiß ich nichts mehr von ihr. Ausgebombt, krank, evakuiert. Das war die letzte Nach- richt.—“
„Gut, warten Sie zwei, drei Tage. Ich lasse von mir hören.“ Sich umdrehend, winkt er dem Korporal.„Ich wünsche, daß dieser Mann gut behandelt wird.“
Zwei Tage habe ich noch zu warten, dann kommt die Erlösung. Im Büro erwartet mich ein Distriktpolizist von St. Amand. Nachdem alle Formalitäten der Entlassung erledigt sind, verlassen wir per Bahn Valenciennes . Auch in St. Amand vergeht die Zeit mit Papiereausschreiben und allem drum und dran. Für heute ist es zu spät, um nach Thermal, wo die amerikanische Abteilung für „Civil-Affairs“ stationiert ist, hinauszufahren. So ver- bringe ich die Nacht in der Wachstube. Zum Schlafen komme ich nicht. Mit den Polizisten werden Erlebnisse ausgetauscht. Und die Beamten können etwas von der Zeit der deutschen Besetzung erzählen. Am Tage machten sie Polizeidienst,-um in der Nacht ihrer Pflicht als Patri- oten nachzukommen.
Langsam dämmert der Morgen durch das Fenster. Frö- stelnd,in eine Decke eingehüllt, sitze ich im Lehnstuhl und nicke doch noch ein. Gegen neun Uhr machen wir uns auf den Weg zum Stadtbüro der Abteilung„Civil-Affairs“. Ganz so leicht und frei, wie ich nach außen scheine, ist
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