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Die Flucht : als KZ-Flüchtling durch fremdes Land / Willy Kreuzberg
Entstehung
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Kortemark!- Zwanzig Kilometer vor Ostende ! Nach einer vier Wochen dauernden Fahrt in Viehwag­gons soll es hier wieder ein Standlager für uns geben. Nachdem wir auf unserer Fluchtfahrt vor der Invasion durch Frankreich und Belgien durch die SS - Mannschaf­ten Unsägliches leiden mußten, werden wir hier wieder zum Arbeitseinsatz kommen. Ob wir nach unseren Ver­lusten, verursacht durch die Massaker der SS, hier erneut Opfer bringen müssen? Und wer von uns wird betroffen? Wir werden ausgeladen. Die ersten Arbeitskommandos zum Entleeren der Waggons sind zusammengestellt. Die Mannschaften hetzen und treiben. Die Dunkelheit bricht herein. Wir arbeiten beim Schein der Stallampen, aber entladen muß sein. Soweit wir hier auf dem Bahnhof die Bevölkerung sehen, spüren wir, daß uns Sympathie ent­gegenschlägt. Wir könnten eigentlich schon abrücken. Die Unübersichtlichkeit des Bahnhofsgeländes und die ein­getretene Dunkelheit würden eine Flucht begünstigen. Doch scheuen wir zurück, weil uns die Verhältnisse in Belgien noch zu unbekannt sind. Wo steht Wehrmacht , SS, Feldgendarmerie? Wie verhält sich die belgische Po­lizei? Alles Fragen, die für eine Flucht wichtig sind. In spätester Abendstunde rücken wir als die letzten des Ladekommandos in das neue Lager ein. Hier ist alles noch in hellem Aufruhr. Keiner weiß, wo er hingehört, jeder hat Hunger. Es mangelt an Stroh, es mangelt an Betten. Kochgelegenheit ist noch keine vorhanden. Unsere Verwundeten sind notdürftig in einem leeren Raum un­tergebracht. Spät kommen wir zur Ruhe. Jeder hat sich irgendwo im Gebäude einen Platz gesucht. Nur liegen und schlafen!

Schlafen, ohne das Geratter der Waggonräder!- Am nächsten Morgen beginnt die Arbeitseinteilung. Kleine Trupps werden zusammengestellt. Es gilt Küche einrichten, Kessel aufstellen, Stroh holen, Betten herbei­schaffen. Bei jeder Arbeit versuche ich unterzuschlüpfen. - Nützt nichts!- Für mich und einige andere hat Rot­tenführer Paulsen eine Spezialaufgabe.

Unser Lager ist ein altes Schulgebäude, dessen Umfas­sungsmauer an mehreren Stellen schadhaft ist. Außer­dem scheint die Mauer allein nicht genügend Sicherheit zu bieten.

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