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Die Flucht : als KZ-Flüchtling durch fremdes Land / Willy Kreuzberg
Entstehung
Seite
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links. Alles klar, die Luft rein? Von links kommt ein Auto die Straße daher.

Verdammt! Es ist dem ersten Bauleiter sein Karren. Sind die auf der Suche nach mir oder macht er seine tägliche Inspektionsfahrt nach Ypern ? Jetzt heißt es verschwinden! Ein Schritt zur Seite und der Weg- graben nimmt mich auf. Zum Platzaussuchen ist keine Zeit. So lang ich bin, lasse ich mich fallen.

Brri, pfui Teufel, das ist kalt! Natürlich ist Wasser im Graben. Immerhin besser, einige Minuten naß zu liegen, als für immer mit einem kleinen Loch im Körper einge- scharrt zu werden. Der Bauleiter ist dafür berüchtigt, daß seine Pistole locker sitzt.

Spannungsvolle Sekunden.

Wurde ich gesehen? Werden sie anhalten oder fährt der Wagen weiter.

Nach endlos erscheinenden Minuten schiebe ich den Kopf langsam über den Grabenrand. Nichts! Die Straße liegt leer und verlassen.

Na, Willy, alter Junge. Hast mal wieder Glück gehabt. Nun aber los. Die Straße gekreuzt und querfeldein. Eklig klebt das Zeug am Leibe. Einerlei, nur erst von der Straße weg. Dann wird Nachtquartier gesucht. Auf einem Gehöft nachzufragen, ist nicht sicher genug.Mut- ter Grün soll meine Wirtin sein.

Hallo! Das paßt gut. Vor mir steht ein Haferschlag in Hocken. Schnell ist eine verlängert, daß die Beine nicht rausgucken, einige Garben als Unterlage und fertig ist das Nachtlager. Etwas eng, aber warm. So trocknet die Kleidung wenigstens am Leibe. Bevor ich in das Stroh hineinkrieche, wird noch eine Pfeife geraucht. So, ein Rundblick. Alles scheint in Ordnung zu sein. Für heute ist Ruhe. Ein Tagewerk ist vollbracht.

Ich bin sehr müde. Es ist schön, so im Stroh liegen zu können, doch der Schlaf stellt sich nicht ein. Jetzt, in den ersten wirklich freien Stunden nach zehn Jahren kommt mir so recht zum Bewußtsein, was ich alles machen kann. Wer will mich hindern? Keine SS be- wacht, kein Stacheldraht hemmt, kein Strick, keine Knute drohen. Gewiß, morgen kann ich schon geschnappt sein. Gebe ich dann an, wer ich bin, so schafft man mich zurück. Verheimliche ich Namen und Herkunft, werde ich

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