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solle, wie die Verhältnisse gelegen hätten, um dabei auf den Nazihaß der Ungarn zu spekulieren. Dann werde die Sache sicherlich im Sande verlaufen, zumal er ver­sichern könne, dem Staate baldigst den Rücken kehren zu wollen.

In schlechtester Laune, nervös und ahnungsvoll, ver­lieẞ Bert am anderen Morgen sein Zimmer, ohne Geräusch zu machen, um unten im Restaurant sein Frühstück einzunehmen. Die Vorladung lautete auf neun Uhr, er wollte pünktlich sein. Um Schlag neun Uhr trat er in das Zimmer ein, in das er geladen war, seinen Gruß absichtlich in Französisch haltend.

Hinter einem breiten Schreibtische, weit im Sessel zurückgelehnt, saß, als er eintrat, ein Kommissar in Zivil, ein Mann mit schütterem Haarkranz um eine ziem­lich tief reichende Glatze und mit gestutztem Schnurr­bart, volles, rundliches Genießergesicht von gelblicher, ungesunder Farbe. Ein Monokel im linken Auge unter­strich noch den Eindruck starker Verlebtheit, der über den schlaffen Zügen lag.

Als Bert näher herantrat, streifte sein Blick über einen Wandspiegel neben dem Waschtisch. Er sah be­troffen, wie bleich sein eigenes Antlitz war, und wie die Sorgenfalten noch tiefer darin eingegraben waren als früher.

Der Kommissar nahm die Vorladung, die ihm Bert übergeben hatte, in die Hand und schoß einen inter­essierten Blitz durch sein Monokel auf den Besucher, der sich leicht vor ihm verneigte. Es schien, als ob er dessen Kopf und Haltung, ja die gesamte Erscheinung voll un­genierter Neugier studiere, als wenn er einem fesselnden Problem begegne.

Dann sah er nochmals auf die Vorladung, ließ sie auf den Tisch fallen und warf lässig in deutscher Sprache die Frage hin, seiner Miene dabei einen ungläubigen Ausdruck gebend: ,, Mit dem hier namentlich Vor­geladenen sind Sie natürlich nicht identisch, mein Herr- oder doch?"

Die deutsch gehaltene Anrede und ihr Inhalt ließ 31 Conrady, Amokläufer.