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zu beobachten lernt man allein durch die Not und durch Leiden.
Mit allem Bedacht, immer erst die Finger an die Stellen der Drähte setzend, an denen sich keine Stacheln befinden, hernach die umwickelten Füße. wahlloser setzend— und in erster Linie die Stromleitungen pein- lichst vermeidend, geht es langsam aufwärts. Früher schon hat Bert gezählt, daß 32 Stacheldrähte und vier Stromleitungen den Eckmast in gleich dichten Abständen vom Erdboden bis zur Höhe hinauf bedecken.... Er bringt sie allmählich unter sich.
Ein letztes Klimmen noch— und er kniet bereits auf dem flachen, unebenen, Kopf des dicken Holzmastes, erst mit dem rechten Bein zwar, aber das linke folgt unter vorsichtiger Umgehung der obersten Strom- leitung nach. Nun sind beide Knie oben an dem Punkt, zu dem er so oft in den letzten Tagen seiner Ungeduld voll Sehnsucht hinaufgeblickt hat... dem Herrgott sei Dank! Die erste und vielleicht schwierigste Etappe seiner Flucht— deshalb, weil sie rein turnerische An- forderungen stellte, ist erledigt—— eine wilde Freude, ein fanatischer Hohn leuchtet in seinen Augen auf.
Bevor er sich nun mit der Linken auf den Stamm stützt und jenseits herabspringt, grüßt er mit der Rechten zu der jetzt ganz nahen roten Lampe hinüber, die ihn wie ein boshaft funkelnder Glühwurm bearg- wöhnt.:».„Schau her, du stumpfsinniges Ding“, mur- melt er, und es liegt ein nahezu jungenhafter Übermut in seiner Geste: ‚‚da leuchtest du Nacht für Nacht umsonst als Warnung. Aber kommt einer mit etwas Courage, so lacht er über dein Drohen..: und nun lebe wohl!‘
Die gesamte Kletterei hat immerhin eine volle halbe Stunde gedauert, wie er von seiner Uhr abliest. Nun ein geringer Schwung zur Seite, wobei der linke Arm als Stützhebel dient, lüftet den Körper vom Kopf des Eckpfeilers etwas empor und läßt ihn in kurzem Fall auf der Innenseite des umzäunten Rechtecks landen, zum Glück auf einem schmalen Rasenstreifen, so daß von dem Absprung kaum etwas zu hören ist. Nur wäre 26 Conrady, Amokläufer.


