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Amokläufer : Roman / A. W. Conrady
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Zunge, hinzuzufügen: hättest du dich an mich ge­wendet, wenn du Hunger hattest, so wäre ich dir mit meinem Brot beigesprungen, wie vielen anderen bereits.. aber Leo bedachte rasch, daß der üble Kastler hinter ihm stand und beherrschte sich. Des­halb schloß er mit der kurzen Weisung: ,, Laßt ihn jetzt laufen! Zu Mittag bringt ihn an meinen Tisch fertig! Die Meldung geht heute Abend der Lagerleitung

zu..

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Hätte er geahnt, daß die übereifrigen Dolmetscher diese Schlußworte dem Beklagten in verschärfter Form übersetzen würden, so hätte er sie sich erspart. Denn nun geschah mit Blitzesschnelle das gänzlich Un­erwartete:

Der Pole taumelte förmlich zurück vor dem Gehörten. Was die Ankündigung für ihn bedeutete, war ihm offen­sichtlich bewußt. Erst machte er eine Bewegung, als wolle er auf den Feldwebel losspringen. Dann begannen seine Augen umherzuirren. Ein höhnisches Lächeln trat auf seine Lippen, als wollte er sagen: diese Befriedigung bereite ich euch denn doch nicht

Und schon machte er, einer plötzlichen Eingebung folgend, einen Satz zwischen Leo und dem Scharführer hindurch und rannte die Lagerstraße entlang, während die Gruppe, die ihn verhört hatte, zunächst noch ver­blüfft stehen blieb.... Kurz vor der Einmündung der Lagerstraße, in den Appellplatz ragte noch die Ver­gitterung der letzten acht Baracken, die von SS. - Truppen belegt waren, rechtwinklig in den freien Lagerraum hinein. Die engmaschigen Stacheldrähte bauten sich ungefähr von Kniehöhe an schräg nach hinten ab, um zu verhindern, daß bei Vorbeimärschen etwa unachtsame Häftlinge den Hauptdrähten zu nahe kämen, durch welche die elektrische Hochspannung durchlief.

Gerade auf diese Stelle lief nun der junge Pole zu, einem Tollhäusler gleich in seinem Wesen. Schon hundert Schritte vorher war allen, die ihm zuschauten, klar, was er plante... aber niemand war in der Nähe, ihn aufzuhalten. Zwar begannen Leo und Bert sofort,

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