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Amokläufer : Roman / A. W. Conrady
Entstehung
Seite
354
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und wartete in der Nähe ab, was der Lärm zu bedeuten habe.

Inzwischen schleppten zwei Polen mit der Dolmetscher- binde einen Kameraden zwischen sich heran, einen ab- gezehrten Jüngling von knapp zwanzig Jahren, wohl- gebildet in Gestalt und Gesichtszügen, welche Spuren guter Abstammung und Intelligenz aufwiesen, jetzt aber total verzerrt und verstört waren....

Anklägerisch brachten die zwei Dolmetscher den Widerstrebenden vor ihren Feldwebel, hinter dem Kastner auf sein Fahrrad gestützt hielt. ‚Die Stube 3 hat den Kerl beim Brotdiebstahl erwischt, ein ganzes Viertel von seinem Spindnachbarn! Den Rest hat er noch in der Tasche, er leugnet auch nicht!

Wie der Schächer einst vor Pontius Pilatus stand der Beklagte vor Leo. Dessen gute Laune war mit einem Fluge verwischt, zumal durch den zuhörenden Schar- führer, den Spezialisten für Meldungen, seinem Handeln die Richtung unweigerlich vorgezeichnet war.... Wie schneidender Stahl war seine Stimme, als er den Misse- täter fragte: ‚‚Was hast du dazu zu sagen? Beruht das auf Wahrheit?

Die Dolmetscher übersetzten flink die Frage. Der:

junge Pole zuckte förmlich unter den scharfen Lauten zusammen. Er warf einen scheuen Blick auf Leo, der breit und stämmig vor ihm stand. Von ihm sah er weiter in das verkniffene, schonungslose Gesicht des Scharführers. Dann nickte er, ohne zu antworten.

Noch einen letzten Ausweg versuchte der Feldwebel. Er stellte die weitere Frage:Hat etwa dein Nachbar sein Brot unverschlossen herumliegen lassen, so daß die bequeme Gelegenheit dich zum Dieb gemacht hat, hm? Wieder prasselte die Übersetzung ins Polnische dem Verhörten ins Ohr. Nach einiger Überlegung schüttelte er von neuem den Kopf.

Also auch das nicht! Gut, dann erstatte ich noch heute Meldung gegen dich; denn Kameradschaftsdieb- stahl muß in meinem Block ausgemerzt werden, und zwar ohne Rücksicht! Es lag seiner Güte auf der