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Amokläufer : Roman / A. W. Conrady
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an sich eine schätzenswerte Eigenschaft für sein Amt. Während der Appelle stand er regelmäßig, die Hände. auf dem Rücken, wie versonnen da und ließ fast alles Rämmele oder dessen Helfer anordnen, ohne etwas ein­zuwenden. Dennoch fehlte es ihm nicht an praktischer Einsicht, wie er sich auch Bert gegenüber späterhin als wohlwollend erwies. Unmittelbar nach Abmarsch der Kommandos zu ihren Arbeitsplätzen schwang er sich auf sein Fahrrad, pfiff seinem kleinen Foxl und fuhr, ohne jemanden zu beachten, in seine Wohnung zum Frühstück.

Wieso er im Lager zu dem Spitznamen, Tibbu- Tipp' gekommen war, war für Bert nicht mehr festzustellen. Neben dem Lagerelefanten Hoffmann, der von allen den breitesten Schatten warf, und mit unersättlicher Vorliebe seine heisere Bärenstimme erdröhnen ließ, er­schien ihm Zill immer in der Pose eines marmornen Halb­gottes, der ein schwächliches, schwankendes Inneres hinter der Maske frostiger Unnahbarkeit verbarg. Den Häftlingen war er unheimlich, zumal er die Lagerdisziplin erheblich verschärfte und keinen Zweifel darüber ließ, daß schon sein leisestes Stirnrunzeln ihnen Bedrohung, sein Zorn dagegen ihr Untergang sein konnte.... Unter seinem eisigen Blicke erstarb ihnen das Wort auf den Lippen, aber auch den meisten Scharführern nicht minder. Nur der biedere Rämmele fand in seinem Naturell den rechten Talisman gegen Tibbu- Tipps Kälte. Er sprang mit ihm um, wie es ihm gerade paẞte.

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Vergessen wir aber nicht, daß zur gleichen Zeit, als sich dies Geschehen in Dachau abspielte, die Republik Polen von den deutschen Truppen überrannt und besetzt worden war. Ein reiches, ja überreiches Feld für sadi­stische Gelüste erschloß sich hierdurch dem Zugriff von Schlächternaturen, wie denjenigen des Kreises um Hitler , des Amokläufers gegen die Welt überreich nicht nur

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