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und Strumpfstopferei untergebracht waren, drängte sich alles hastig die Treppe hinunter in den Innenraum, so eisig durchzog der Ostwind ihre dünne Kleidung und ließ sie nach der Wärme verlangen, die sie im geschlossenen Raum erwartete.
Die fünffache Zahl von Stopfern als in Flossenbürg saß hier gemächlich an langen Tischen, von einem einarmigen Capo verträglichen Wesens betreut und von einem genießbaren Arbeitsverwalter beaufsichtigt. Keiner brauchte sich beim Schaffen zu überanstrengen. Dafür begleitete ein nie abreißendes Plaudern mit dem Nachbarn das langsame Hin und Her der großen Stopfnadeln durch die Riesenlöcher der Socken... trotzdem: was für klägliche Gesellen! Sie bildeten gleichsam einen Staat unter sich im kleinen, ohne daß ihnen zum Bewußtsein gekommen wäre, wie verzerrt und armselig ihre Kopie war. Sie schufen sich selbst die Illusion des Lebendigseins und irgendwie Nützlichseins bis sie einander gründlich satt hatten. Und dieser Überdruß steigerte sich bei vielen bis zum Ekel vor der körperlichen Nähe eines anderen. Die in Charakter und Umgang angenehmsten Kameraden waren hier die überzeugten Kommunisten. Es waren effektiv die ruhigsten, friedliebendsten, hilfsbereitesten Menschen und und zuverlässigsten Arbeiter.
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Eine Besonderheit des Lagerlebens lernte Bert hier noch gründlich kennen: das, Organisieren', von SS. Eigentum zu Gunst und Frommen der eigenen Person oder zu Tauschzwecken, wie man es nannte. Denn in der Stopferei begann man, aus defekten Socken allerlei Pulswärmer, Beinlinge, Knieschützer, Halsbinden nebenbei zu verfertigen, ebenso wie die Schuster insgeheim die schönsten Lederetuis für Zigaretten oder Brustbeutel für das bißchen Geld fabrizierten, das der Häftling besitzen durfte, wenn seine Angehörigen ihm etwas gesandt hatten. Bei einem Schneider, den man kannte, ließ sich allen Ernstes ein Dutzend Taschentücher in Auftrag geben, und zwar vom farbigen Hemdenstoff bis zum feinsten Batistleinen, mit oder ohne Hohlsaum oder


