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Mordhausen : Bericht eines Augenzeugen über Mauthausen, das berüchtigte Konzentrationslager / von Edmund Richard Stantke
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von jenem Kampf, der bei uns täglich gekämpft werden mußte? Wenn meine Leser das Buch, das ich mit blutendem Herzen niederschreibe, gelesen haben werden, dann ist mein Wunsch der: Sorgt dafür, daß diese Schandtat nicht noch einmal in Erscheinung tritt. Sorgt dafür, ein jeder für sich und einer für den anderen, daß wir wieder Menschen werden. Men- schen im wahren Sinne des Wortes! Wohin wir gekommen sind, beweist das schaurige Ende des Krieges.

Die letzten Monate im Konzentrationslager waren meines Erachtens die aufregendsten. Sie waren der Höhepunkt. Die SS war von solchem Wahn- sinn besessen, zu glauben, sie könne sich durch unsere Mithilfe, indem sie uns Häftlinge in ihre Reihen eingiiederte, aus dem Chaos retten. Eines Tages ließ der Kommandant sämtliche Deutsche auf dem Appellplatz an- treten. Wir waren im Glauben, daß wir nach und nach in Freiheit gesetzt würden. Wie groß war daher unser Erstaunen, als es hieß:Alle gesunden Häftlinge vom achtzehnten bis zum fünfundfünfzigsten Lebensjahr werden gemustert und zum Militär eingezogen. Wir wurden nun in Gruppen ein- geteilt ich war zu meinem Glück bei der dritten, der letzten um im Lager ausgebildet zu werden. Der Ausbilder, in seinem Fach sonst ein tüch- tiger Kerl er kam aus Dresden war ein Oberscharführer der SS. Für uns eine heikle Angelegenheit. Sollten wir, nachdem man uns jahrelang im Lager festgehalten und alles Elend. hatte durchkosten lassen, nun die uns so verhaßte Uniform anziehen müssen? Jene Uniform, deren Träger unzählige von uns auf die grausamste Weise vom Leben zum Tode beför- dert hatten. Zu unserem größten Leidwesen war es wirklich der Fall.

Nach sechswöchentlicher Ausbildung bekamen jene Häftlinge die SS - Montur und fort ging es. Und zwar, wie es hieß, an die russische Front. Der Abschied wurde von uns Nichtausgebildeten auf das herzlichste ver- anstaltet. Die Lagerkapelle wurde auf dem Appellplatz versammelt, um den Abrückenden jene Weisen, die ihnen im Lager über so manche traurige Stunden hinweggeholfen haben, noch einmal zu spielen, vielleicht zum letz- ten Male. Daß der Kommandant sie Kameraden nannte und ihnen Glück wünschte, war ein Hohn. Mit gemischten Gefühlen gingen die Kameraden von uns, alles vergessend, was hinter ihnen lag und doch mit der bangen Frage auf den Lippen: ‚Was geschieht jetzt mit uns? Ist es unser Glück oder unser Tod? In uns Zurückgebliebenen tauchte dieselbe Frage auf.

Kaum war die erste Gruppe fort, da kam die zweite zur Ausbildung. Aber die übliche Ausbildungszeit von sechs Wochen ging vorüber, ohne daß man sie an die Front schickte. Wir vermuteten, daß die Lagerleitung unschlüssig war, da auf der einen Seite die Amerikaner bis Passau heran- rückten, auf der anderen die Russen vor St. Pölten , also schon über Wien hinaus, standen, so daß unser Lager von beiden Fronten gleichweit entfernt in der Mitte stand. Wer wird uns zuerst erreichen? war die Frage sämt- licher Lagerinsassen. Erwähnen muß ich, daß der Amerikaner bei uns den Vorzug hatte. Als nun ihre Front immer näher kam der Russe ging zum Teil wieder bis Wien zurück begann ein allgemeines Aufatmen. Wußte doch jeder, daß die Stunde der Freiheit bald schlagen mußte, zumal die

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