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Mordhausen : Bericht eines Augenzeugen über Mauthausen, das berüchtigte Konzentrationslager / von Edmund Richard Stantke
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Die Verhaftung

Berlin , Alexanderplatz ... wie oft und gern bummelte ich hier. Mein Auge erfreute sich an dem wogenden Menschenmeer, an den Auslagen eleganter Geschäfte, erfreute sich an gut angezogenen Frauen, ihrem sorg­losen Lächeln, an dem Lichterglanz des Abends, der dem Alexanderplatz eine besondere Note verlieh.

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Das war vor 1933. Es war einmal! Heute ist er ein Schutthaufen! Und jenes sorglose Lächeln suche ich vergebens- es liegt unter den Trüm­mern begraben. Wie ein Nachtfalter, den das künstliche Licht anzieht, im Glauben es sei die wärmespendende Sonne, so blendete die Menschen ein scheinbarer Aufschwung, an dem sie sich Leib und Seele verbrannten. Und es wird einer langen Zeit bedürfen, bis wir Menschen uns zu jener Höhe emporschwingen, zu der wir von Anfang an berufen sind.

Wir schreiben März 1935. Wieder führt mein Weg über den Alexander­ platz , allerdings gezwungenermaßen. Mein Auge kann nur wenig von dem Leben und Treiben erhaschen; denn ich sitze in einer sogenannten ,, grünen Minna", hinter einer kleinen vergitterten Fensterscheibe. Irgendjemand im Wagen ruft: ,, Wir sind da! Hier ist der Alex." Ich hatte schon viel Un­angenehmes über das Berliner Polizeigefängnis gehört, aber was ich hier sah und erlebte, übertraf das Gehörte bei weitem! Wenig Luft, noch weni­ger Licht, viel Wanzen, die einen buchstäblich nicht zur Ruhe kommen ließen, von der Überfüllung ganz zu schweigen. Im Stehen zu schlafen, war keine Seltenheit. Alle Nationen waren hier vertreten, wegen politischer wie krimineller Vergehen, auch ,, Stammgäste". Lange Wochen mußten Men­schen hier zubringen, bis es der Gestapo oder der Kripo nach ungezählten Vernehmungen gefiel, sie in ein Zuchthaus oder in ein Konzentrations­lager zu überweisen. Die Verpflegung war verhältnismäßig gut, besonders die Transportverpflegung, auch Pakete durfte man empfangen, aber was besagte das alles! Der von Dreck strotzende Käfig und die Ungewißheit fraßen an Leib und Seele. Verschieden waren die Insassen, von der Intel­ligenz bis zum Untermenschentum; es wurde begaunert und gestohlen unter den Insassen, was das Zeug hielt. Schachergeschäfte waren an der Tages­ordnung. Daß für eine Zigarette fünf Mark verlangt wurden, war keine Seltenheit. Wachmannschaft und Häftlinge arbeiteten Hand in Hand. Der Schwarze Markt ist nicht eine Erfindung von heute.

,, Wegen was bist Du hier?" fragte mich einer, der neben mir sitzend die Nacht verbrachte. ,, Weil ich ein Fanatiker der Wahrheit bin!" ,, Kann man wegen so etwas auch herein kommen?" fragte dieser weiter. ,, Wie Du

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