OSR 110
Vorwort
Da liegt sie, die wie ein Schachbrett gebaute Stadt in der fruchtbaren Elbebene, rings in der Runde umgeben von den schönen Bergen des böhmischen Mittelgebirges, dessen höchsten, den Milleschauer, Alexander von Humboldt , der Weltreisende, für einen der schönsten in der Welt erklärt hat.
Von Kaiser Joseph wurde Theresienstadt zur Erinnerung an Maria Theresia , seine Mutter, erbaut und die schachbrettartigen Straßen um einen reizvollen, an Italien erinnernden Marktplatz deuten auf die Entstehung hin.
Als Festung und Garnison ist Theresienstadt gebaut worden, aber nicht kriegerischem Ruhm verdankt diese Stadt, daß sie in der ganzen Welt bekannt wurde. Einer der wenigen, dem es beschieden war, sie lebend zu verlassen, berichtet, was in ihren Mauern geschah, in medizinischer Hinsicht.
Da nach dem Aufhören der Feindseligkeiten- die Menschen in Europa und insbesondere in Deutschland unter Ernährungsverhältnissen leben müssen, die denen im Konzentrationslager sehr ähneln, beobachtet man ähnliche Erkrankungen. Trotzdem dürfte man in der kleinen Broschüre manches finden, was für den Vitaminforscher, den Hygieniker, den Kliniker, den Arzt von Interesse sein kann. Die Mortalitätsstatistiken, amtlichem, sorgfältig vernichtetem Material entstammend, dürften sogar den Historiographen und Politiker interessieren. Man sieht in nackten Zahlen und objektiv das ganze Elend sich vor unseren Augen abrollen ohne jede propagandistische und sentimentale Begleitmusik.- Der ärztliche Leser sei auf eine Methodik hingewiesen, die in Theresienstadt entwickelt wurde und die vielleicht dazu beitragen kann, die leider nicht ganz seltenen und offenbar zunehmenden Schädigungen bei der Typhus - Schutzimpfung einzuschränken, Weiter auf die Beobachtungen über Tuberkulose, die leider durch Erfahrungen in Deutschland bestätigt werden und auf die theresianischen Krankheiten, die bisher noch für dieses Konzentrationslager charakteristisch sind, aber leider auch bei uns heimisch werden können. Die Vorbedingungen sind gegeben und die Kenntnis dieser Krankheiten kann dazu beitragen, daß in letzter Stunde noch Möglichkeiten gefunden werden, den Zug dieser apokalyptischen Reiter zu verhindern. Die Lücken, welche, vom Standpunkt der Klinik aus gesehen, die Darstellung aufweist, bitten wir mit den Konditionen, unter denen wir die Arbeit leisten mußten, zu entschuldigen.
A. Wolff- Eisner.
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