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Sache Baumann und andere : Roman / Jan Petersen
Entstehung
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XVII

Die Straßenbahn fuhr ratternd über die Flußbrücke, nahm eine scharfe Kurve. Zur rechten Hand schoben sich die beiden großen Schornsteine der Rudolf- Schwarz- Werke ins Blickfeld; scharf umrissen standen sie vor dem fahlblauen, wolkenlosen Morgen­himmel, von den flachen Dächern der Maschinenhallen wie von langen Reihen gebeugter Rücken umgeben.

Mit Meister Wegner stieg ein knappes Dutzend Fahrgäste aus. Die ersten Straßenbahnen waren nie stark besetzt. Die Uhr am Werkeingang zeigte sechs Uhr zehn Minuten. In zehn Minuten würde es hier anders aussehen; dann kamen die Straßenbahnen dicht hintereinander, überfüllt, und in Scharen strömten die Ar­beiter ins Werk, hastend, drängend; denn wenige Minuten später heulte die Werksirene den Beginn des neuen Arbeitstages in den Morgen.

Maschinenmeister Wegner konnte an den Fingern seiner Hände abzählen, wann er je, in dreiundzwanzig Jahren, zu spät zur Arbeit gekommen war. Er nahm immer dieselbe Straßenbahn, er war gern früh hier. Er liebte den Gang durch das langsam erwachende Werk, wenn aus den Schornsteinen erst dünne Rauch­fahnen kräuselten und in seiner Abteilung über den Maschinen Ruhe lag, wie ein letztes Atemholen vor dem arbeitsschweren Tag.

Heute wurde in Wegner dieses gewohnte Gefühl durch die gestrigen Ereignisse verdrängt. Bleierne Schwere und Unsicher­heit waren in ihm. Er hatte die ganze Nacht wach gelegen. Die

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