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Sache Baumann und andere : Roman / Jan Petersen
Entstehung
Seite
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Dr. Kramer saß im weißen Arztkittel, ein Bein über das andere geschlagen, im Armstuhl hinter seinem Schreibtisch. Er versuchte, ruhig zu erscheinen und Haltung zu wahren, doch seine Augen gingen jeder Bewegung des Inspektors nach, nervös drehte er sein Höhrrohr in den Händen.

Durch die angelehnte Tür des Sprechzimmers drangen Ge­räusche, als würden schwere Gegenstände gerückt, dann Wort­fetzen erregter Stimmen: In ständiger Behandlung." jahrelanges Leiden."

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- ,, Ihren Na­

,, Oh, mein Gott!" men! Ihre Adresse!" Das mußte im Wartezimmer sein. Die Patienten, die ganze Wohnung durchsuchten sie also! Und er, Dr. med. Georg Kramer, saß hier auf dem Stuhl, ohnmächtig, wehrlos, angeschrien wie ein Schuljunge: ,, Hier setzen Sie sich hin! Aufklärung werden Sie schon noch bekommen! Früher als Ihnen lieb sein wird!" Wie lange dauerte das nun schon? Weshalb das alles? Was würde noch kommen...? Er lauschte wieder. Draußen wurden die Stimmen lauter, kamen näher. ,, Und das muß mir passieren, bei einem Arzt!" Eine weiner­liche Stimme: ,, Diese Aufregung! Ich habe ein schweres Gallen­leiden!" Die Wohnungstür klappte mehrmals, dann wurde es stiller.

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Inspektor Diebold stand noch immer vor dem großen Glas­schrank. Er öffnete Schachteln, Blechbüchsen, leerte Etuis, in denen ärztliche Instrumente lagen. Von Zeit zu Zeit sah er ver­stohlen zu dem Arzt hinüber. Er ließ ihn absichtlich vor dem Schreibtisch sitzen, der Mann sollte sich unbeobachtet fühlen; möglicherweise versuchte er, dort Zettel, die bei der Durch­suchung vielleicht nicht gefunden worden waren, verschwinden zu lassen. Wie unbefangen dieser Dr. Kramer tat! Als ob ihn nichts belasten könne, als ob er unschuldig sei wie ein neugebore­

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