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Totentanz / Bernhard Kellermann
Entstehung
Seite
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für einen der bestgekleideten Männer der Stadt, der die pein- lichste Sorgfalt auf sein Äußeres verwendete.

Die Stadt schien sich während seiner Abwesenheit nicht im ge- ringsten verändert zu haben, und erst als er aufmerksamer hin- sah, bemerkte er eine Wandlung in vielen Dingen.

Der Buchhändler Dillinger, der auch sein Lieferant war, hatte sich vergrößert, seht an, und den Nachbarladen dazugenommen. War es nicht erstaunlich? Früher schien dieser Dillinger Demo- ie krat mit stark sozialistischer Färbung zu sein, manche nannten _ ihn sogar einen Kommunisten, und jetzt hatte er sein Schau- SE fenster voller Parteiblätter und Postkarten der heutigen Macht- ie haber. Dillinger, ein zierliches, gestriegeltes Herrchen, legte so- eben ein Buch mit ausgesprochen antibolschewistischen Illustra- tionen in sein Fenster. Selbst in dem feierlichen Schaufenster des Juweliers Nicolai entdeckte er eine Führerbüste, die unter einem Lorbeerbäumchen stand. Einige Häuser weiter war die Auslage des Schneiders März, angefüllt mit gelben und braunen Tuch- rollen. Oder sah er sie heute das erstemal? Der Schneider März, ein weißhaariges, fast durchsichtiges Männchen, stand unter der Ladentür und grüßte respektvoll.

Ihr Wintermantel ist fertig, Herr Doktor! rief er Fabian zu, und Fabian erwiderte, daß er dieser Tage vorbeikommen werde.

Auch sonst entdeckte er noch da und dort Embleme, Abzei- chen, Photographien und Führerbüsten, aber vielleicht waren sie ihm früher gar nicht aufgefallen?

Dann bog er zum Rathausplatz ein, auf dem, wie jeden Mitt- H woch und Sonnabend, Wochenmarkt abgehalten wurde. Er blieb stehen, um sich an dem geschäftigen Treiben zu erfreuen und die Sonne zu genießen, die mit sommerlicher Wärme auf den Platz

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herabschien. Dann suchte er sich den Weg zwischen Hausfrauen, Bauern-

weibern und Stapeln von Gemüsekörben, um zu seinem Lieb- lingsbrunnen zu gelangen, der in einer Ecke des Platzes stand. Seit Jahren hatte er ihn täglich erblickt, und es war selbstver- irvor| ständlich, daß er ihn heute mit besonderer Freude, wie einen alten Freund, begrüßte. Er lächelte ihm sogar zu. Eine schlanke Jünglingsgestalt, die auf dem Becken des Brunnens stand, spie-

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