Druckschrift 
Totentanz / Bernhard Kellermann
Entstehung
Seite
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I

Nach der Rückkehr aus seinem längeren Krankheitsurlaub empfand Frank Fabian, Rechtsanwalt und Syndikus der Stadt, von der hier die Rede ist, mit großer Deutlichkeit die auffallenden Veränderungen, die in seiner Umgebung vor sich gegangen waren.

Der Nachtschnellzug, mit dem er damals ankam, hatte eine volle Stunde Verspätung, so daß er erst um ein Uhr seine Woh­nung erreichte. Zu seiner angenehmen Überraschung war Martha, das Mädchen, noch wach und öffnete die Türe, sobald er die Treppe heraufkam. Er drückte ihr herzhaft die Hand, indem er ihr dankte, daß sie wach geblieben war, und bat sie, ihm Rotwein ins Speisezimmer zu bringen. Er wolle seine Heimkehr feiern, fügte er lächelnd hinzu.

,, Meine Frau schläft wohl schon?" fragte er, während er seinen Überzieher in der Diele ablegte. Er sprach mit gedämpfter Stimme, um seine Gemahlin, die nervös war und an Schlaflosig­keit litt, nicht aufzuwecken.

Ja, die gnädige Frau sei heute frühzeitig schlafen gegangen, antwortete Martha und versprach, den Rotwein sofort zu bringen.

Fabian befand sich in ausgezeichneter Laune. Er war froh, wieder zu Hause zu sein, und rieb sich vergnügt die Hände, wäh­rend er die sommerliche Wärme der Wohnung genoß, denn in der Droschke, die ihn vom Bahnhof brachte, war es zugig und kalt gewesen. Sogar der besondere Geruch, den jede mensch­liche Behausung an sich hat, erfreute ihn, er hatte ihn in den vier Monaten seiner Abwesenheit völlig vergessen gehabt. Nun schön, da war er also wieder!

Von der Diele begab er sich in sein Arbeitszimmer und schal­tete alle Lampen ein. Alles war noch da, die bunte Bücherreihe seiner Bibliothek, auf die er stolz war, die wenigen Bilder und

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