Druckschrift 
Totentanz / Bernhard Kellermann
Entstehung
Seite
21
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Die Erregung hatte ihre Wangen gefärbt.Und Sie, verehrter Freund, Sie sollten zurückstehen? Ein Mann Ihrer Begabung, ich bitte Sie? Das größte Rednertalent der Stadt? Es gibt noch Tau- sende hier, die sich an Ihre berühmte Rede im Rathaussaal zur Feier der Befreiungskriege erinnern. Und dazu gehöre ich! Sie deutete auf ihre Brust.Ich!

Fabian machte eine kleine Verbeugung.Ihre allzu große Lie- benswürdigkeit, Baronin

Aber die Baronin fiel ihm lächelnd ins Wort. Nein, sagen Sie das nicht! Man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Auf keinen Fall dürfen Sie, um es geradeheraus zu sagen, zurück- stehen. Sie sind es dem Lande schuldig, Sie sind es Clotilde schul- dig! Sie lehnte sich wieder in den Sessel zurück und prüfte mit ‚den Fingerspitzen flüchtig, ob das Hütchen mit den stahlblauen Federn, das ihr ausgezeichnet stand, richtig sitze.

Clotilde, die hinter der Baronin neuen Tee eingoß, richtete ihre Augen mit! kaum erkennbarem Spott auf Fabian.An mich,

Beste, soll er gar nicht denken, sagte sie.Das erwartet ja kein

Mensch von ihm, ich am allerwenigsten. Aber vielleicht wäre es angebracht, ihn an seine beiden Jungen zu erinnern? Ein Vater, sollte man meinen, hat schließlich die Pflicht, an die Zukunft - seiner Söhne zu denken.

Die Erwähnung seiner beiden Jungen, die er leidenschaftlich liebte, brachte Fabian in Verwirrung.

Die Baronin aber griff das Argument sofort auf.Einem Vater, der seine Söhne so vergöttert, wie unser Freund, braucht man das nicht erst zu sagen, meine Liebe, rief sie aus.Jeder Mann von einiger Erziehung weiß, daß es seine oberste Pflicht ist, für seine Familie zu sorgen. Denken Sie an den Staatsanwalt Hollenbach, der sofort einen$prung ins Reichsgericht getan hat, denken Sie an den neuen Herrn Taubenhaus, der aus einer winzigen pom- merschen Stadt hierhergekommen ist. Denken Sie an Doktor Sandkuhl, der plötzlich Chefarzt des Krankenhauses wurde, den- ken Sie

Das Telefon klingelte. Clotilde eilte an den Apparat. Es han- delte sich um einen Ausflug zu Pferd, der am Nachmittag statt- finden sollte, und Clotilde sagte freudig zu.