Nach kaum zwei Monaten waren auch diese Häftlinge körperlich bereits wieder so heruntergewirtschaftet, daß erneut Ersatz aus den größeren Lagern geholt werden mußte, aus Buchenwald , Sachsenhausen, Auschwitz usw.

So blieb es Jahr um Jahr bis zur Auflösung des Lagers durch die Russen ‚im April 1945.;

Wie groß der Verschleiß an Menschen durch Hunger und durch den un- erhörten Raubbau an der Arbeitskraft der Häftlinge war, geht daraus her- vor, daß die Durchschnittsbelegstärke des Lagers ohne Außenlager etwa 1400 Häftlinge betrug, 1945 aber trugen Häftlinge bereits Nummern über zwanzigtausend.

Der Sommer des Jahres 1942 war die schwärzeste und opferreichste Zeit während der ganzen Jahre. Von den 800 Häftlingen aus Buchenwald waren am Schluß des Jahres kaum noch 100 übriggeblieben. Ein ganz geringer Prozentsatz hatte diese furchtbare Hungerperiode überstanden. Die meisten waren verhungert, ein anderer Teil aufTransport gegangen, und der ver- schwindende Rest mußte in Ravensbrück weiter vegetieren.

Alle Häftlinge, die aus anderen Lagern nach Ravensbrück kamen, waren entsetzt über die furchtbaren Zustände und über die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen, so daß sie alles daransetzten, dieRavensbrücker Hölle, wie sie das Lager bezeichneten, auf dem Wege einesTransportes wieder zu verlassen.

Dabei fanden wir die Verhältnisse noch einigermaßen erträglich gegenüber denen, die wir als Buchenwälder vorgefunden hatten. Wir hatten ständig

daran gearbeitet, wenigstens die Mißstände zu beseitigen, die von den Häft- lingen selbst beseitigt werden konnten und die das Leben zu einer Hölle machten.

Die Verhältnisse im Revier hatten sich dadurch etwas geändert, daß dort jetzt einer der tschechischen Aerzte, Dr. Franz Sil, wenn auch nicht als verantwortlicher, so doch wenigstens als Arzt tätig war. Dieser außerordent- lich tüchtige, energische, zielbewußte und immer hilfsbereite Arzt konnte zu- nächst an dem Hungersterben wenig ändern. Aber wir alle hatten Vertrauen zu ihm und wußten, daß er ein Freund der Kranken und Hilfsbedürftigen war. Die entsetzlichen Bilder, die wir noch vor wenigen Wochen vor dem Revier täglich gesehen hatten, gab es nicht mehr. Es lagen keine Sterbenden vor der Baracke herum, und auch aus den Arbeitskommandos waren die Todgezeichneten herausgezogen worden.

Verhindern konnten wir allerdings nicht die Prügeleieneund Quälereien der Häftlinge durch die SS, auch eine Verbesserung der Ernährung lag.nicht in«unserer Hand, obwohl mancher Lastwagen mit Kartoffeln unkontrolliert und ohne Lieferschein derRassenschande durch geschickte Manipulationen des Küchencapos. Simolka ins Lager gefahren wurde, verhindern aber konn- ten wir die Antreibegeien und Prügeleien der Capos.

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