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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
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lig gleichgültig sei, und daß der Mann sofort mitgebracht wer­den müsse, notfalls auf einer Tragbahre.

Niemand weiß, was er ,, verbrochen" haben mag. Er war schon seit fünf Monaten im Lager und war noch niemals verhört worden, erzählten seine Freunde.

Ich sah ihn eigentlich zum erstenmal, da in den letzten Wo­chen immer wieder andere in diesen Betten liegen und oft be­reits nach einigen Tagen sterben.

Er hatte Sepsis und wußte kaum mehr, was mit ihm geschah, als sie ihn auf die Tragbahre legten. Die Pfleger durften nicht weiter mitgehen als bis zum Eingang des SS- Lagers, wo zwei SS- Leute den Häftling in Empfang nahmen.

Heute früh um acht Uhr kam der Lagerläufer mit dem Befehl, Bahre und Decken zurückzuholen... aus dem Krematorium.

17. April

Als ich heute früh einen meiner belgischen Freunde die Toten­liste einsehen ließ, machte er mich auf einen der Namen auf­merksam van Baelen, Kamiel- Abgang durch Tod.

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,, Der also auch", sagte er ,,, und dabei war er erst seit einer Woche hier. Er kam aus Hersbrück. Todkrank bereits. Ein Schriftsteller und ein Prachtkerl, der immer viel mehr an an­dere dachte als an sich selbst. Er sprach oft über seine Ar­beiten, und er hatte noch so viele Pläne."

Ein junger flämischer Schriftsteller!

Und vielleicht hätte ich ihm auf irgendeine Art doch etwas helfen können: mit Medikamenten oder ein wenig Brot. Ich fühle mich scheußlich, als ob ich irgendwie meine Pflicht nicht getan- als ob ich etwas unterlassen hätte.

Spät abends

Mittags, in der Totenkammer gewesen, um die Leiche von Kamiel van Baelen zu suchen und zu grüßen. Der Pole sah für mich die Liste durch und brachte mich zu ihm: Sehr ma­

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