mußte, hatten wir Luftalarm. Es war also stockfinster, und im Gang, bei Baracke 9 ungefähr, stolperte ich im Dunkeln über eine Leiche...( Als das Licht ausging, waren die Träger wohl gerade dabei gewesen, sie wegzutragen und hatten sie inzwischen hier hingelegt.)
Diesen ersten Willkommensgruß des neuen Jahres fand ich ziemlich fatal- und kein besonders günstiges Vorzeichen! Doch als der holländische Pfleger, der daneben gestanden hatte, mir aufhalf und lachend sagte: ,, Seit wann gehst auch du über Leichen?", hatte ich meine gute Laune sofort wieder und verspürte sogar eine Art vaterländischen Stolzes über diesen nüchternen Humor.
Abends
Unsere Brotrationen sind abermals herabgesetzt. Und noch immer nichts vom holländischen Roten Kreuz. Die Herrn in London scheinen auf uns zu pfeifen!
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Dr. K. konstatierte heute früh allein in unserer Stube- drei neue Fälle von Flecktyphus. Duhalsky meint, wir werden es alle bekommen und durch die Unterernährung alle daran sterben. Ich fürchte das auch oft, will aber versuchen, diese Gedanken von mir abzuschieben. Noch mehr lesen, noch mehr und noch intensiver studieren. In jeder freien Minute!
Klassische Literatur
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als Ersatz für Rote- Kreuz- Pakete.
Ich fürchte allerdings, gegen Flecktypyhus dürfte auch Goethe auf die Dauer kein wirksamer Schutz sein...
2. Januar.
Von K. habe ich mir Stendhals ,, Vie de Henri Brulard" geliehen; eine vorzügliche deutsche Ausgabe mit einer ausführlichen Einleitung und vielen Fragmenten nebst Kommentaren. Stendhal und Goethe das sind und werden für mich immer mehr die Schriftsteller, die ich in meiner hiesigen Umgebung und mitten in der Flecktyphusepidemie am besten lesen kann.
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