Er ist bereits seit vielen Jahren und zu aller Zufriedenheit im Amt; es ist auch bisher nichts Nachteiliges über ihn bekanntgeworden, obwohl er eigentlich intelligenter ist als Nachtwächter gewöhnlich zu sein pflegen. Das schien aber nicht weiter gefährlich, so daß man es mit in Kauf nahm, besonders, da dem seine vortrefflichen Eigenschaften gegenüberstanden: außerordentliche Treue und strengste Gewissenhaftigkeit. Bis es geschah! Bis eines Nachts etwas passierte, was sich niemand je hätte träumen lassen! In der Nacht vom 31. Dezember 1799 zum 1. Januar 1800 verkündete er den Beginn der Ewigkeit und den Anbruch des Jüngsten Gerichts!- Das Ergebnis war dann auch dementsprechend. Alle sind zu Tode erschrocken, alle werden von panischer Angst und von zitternder Furcht ergriffen.
Die Verwirrung ist grenzenlos, denn wer hätte gedacht, daß der Anfang des 19. Jahrhunderts zum Anfang der ,, Ewigkeit" und des ,, Jüngsten Gerichtes" werden würde?
Erst nach und nach bricht sich dann langsam die Erkenntnis Bahn, daß die Ursache zu all der unangenehmen Aufregung, zu ihrer Reue und Verzagtheit nur einer Laune des Nacht
wächters zuzuschreiben ist.
Die unbeschreibliche Wut, die daraufhin gegen ihn losbricht, ist dann auch ganz allgemein und gipfelt in den Worten: ,, Wie konnte er sich unterstehen, uns auf eine so unerhörte Art hinauszublasen aus unserem wohlverdienten Gottesfrieden?" Über dieses eigenartige Buch, dessen Autor nicht bekannt ist, will ich morgen mit Eddy reden. Sein ,, Mathäus" könnte meiner Meinung nach doch auch gut so ein Nachtwächter werden und zum Beispiel hier in Dachau den Anbruch der Ewigkeit und des letzten Gerichts verkünden. Was für ein herrlicher Stoff für eine Novelle oder ein Gedicht!
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Neujahr 1945
Heute früh um fünf Uhr, gerade als ich meinen Dienst beim Eingang zum Revier beginnen und den Frührapport abgeben
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